Monsanto: Glyphosat-Schlacht gewonnen, aber Krieg verloren

Monsanto: Glyphosat-Schlacht gewonnen, aber Krieg verloren

Trotz der erneuten Zulassung des Pflanzenschutz-Wirkstoffs Glyphosat hat Monsanto den Kampf verloren.

Trotz Zulassungsverlängerung: Den Kampf um das Image, und damit auch die politisch mögliche Einsetzbarkeit von Glyphosat haben Monsato & Co verloren. Auch wegen eines Global2000-Aktivisten aus Österreich: Helmut Burtscher.

Die fünfjährige Verlängerung der EU-Zulassung für den Pflanzenschutz-Wirkstoff Glyphosat kam einigermaßen unerwartet. Eigentlich rechneten selbst Insider mit einem Aus, oder bestenfalls einer dreijährigen Auslaufphase. Dann allerdings sorgte Deutschlands Agrarminister Christian Schmidt im Alleingang für eine Ländermehrheit für den Antrag der EU-Kommission auf fünf weitere Jahre (und löste damit einige Irritationen bei Noch-, und vielleicht-wieder-Koalitionspartner SPD aus.)

Dass die Hersteller (u.a. US-Konzern Monsanto) darüber nicht in Jubel ausbrachen, hat gute Gründe. Zum einen wollte man ursprünglich zehn, oder gar 15 Jahre. Und zweites wurde ihr Produkt von der Stimmungsmache opponierender Umweltschutzgruppen in den vergangenen Monaten geradezu überrollt. Diese schafften in einer länderübergreifenden Aktion (mit Kampagnen-Dienstleister Campact) ein im Agrobusiness vergleichsweise harmloses Mittel zum Bösewicht zu brandmarken. Die Imageschädigung ist so massiv, dass es immer weniger Politiker gibt, die sich auf Länderebene für einen Einsatz von Glyphosat stark machen wollen.

Viele der Wordings für die aggressiven Totenkopf- und Giftküchen-Szenarios stammen dabei vom österreichischen Global2000-Chemiker Helmut Burtscher-Schaden. Dank seines Inputs etwa konnte die Botschaft von Minimalstnachweisen im menschlichen Urin und Muttermilch in Deutschland zur Gefahr hochstilisiert werden, obwohl das Faktum eher die Wirkweise des Mittels auf die Fotosynthese von Pflanzen bestätigt. Überall sonst wird es ausgeschieden. Speziell mit der tendenziellen Betonung des "Vorsorgeprinzips" der EU, machte Burtscher-Schaden viele Meter in der öffentlichen Meinung. Nicht wirklich zu Recht. Denn der Artikel 191 des Vertrages über die Arbeitsweise der EU ist bei weitem kein Freibrief für automatische Verbote. Stattdessen müssen Nutzen und Risiken abgewogen werden.

Wissenschaftlich umstrittene Botschaft

Auch die Botschaft, Glyphosat wäre wissenschaftlich umstritten, stimmt so nicht - konnte aber von Monsanto nicht gekontert werden. So gut wie alle Institutionen weltweit kommen in Wirklichkeit zum selben Schluss: Der Wirkstoff ist bei korrekter Anwendung für Menschen weder kanzerogen (krebserregend), noch genotoxisch (erbgutschädigend). Die einzige gegenläufige Meinung stammt von der Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO (IARC). Was die NOGs nicht dazu sagten: Das IARC betrachtet nicht den Wirkstoff Glyphosat, sondern den Einsatz Glyphosat-hältiger Kombinationsmittel. Zudem wurde nur das prinzipielle Gefahrenpotential bewertet, nicht das Risiko, dass ein Schaden auch eintritt. Auf derselben Gefährdungsstufe 2a befindet sich etwa auch der Friseurberuf. Mit 1, also noch gefährlicher, bewertet das IARC Stoffe wie Alkohol, Tätigkeiten wie das Kaminkehren, usw. Die Agentur formulierte Aussagen tendenziös und ließ laut Nachrichtenagentur Reuters Ergebnisse weg, die die Ungefährlichkeit bestätigt hätten.

Auch andere Halbwahrheiten der Gegner gingen durch. So etwa der Vorwurf, das deutsche Bundesinstitut für Risikoforschung habe bei seiner Glyphosat-Freigabe Studien von Monsanto ohne Hinweise abgeschrieben. Die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" recherchierte hingegen, dass sich die Hinweise durchaus in den Dokumenten befanden, von den NGOs aber geflissentlich verschwiegen wurden. Abgesehen davon, dass das EU-Prüfungsverfahren geradezu vorschreibt, Studien der Antragsteller in die Beurteilung aufzunehmen.

Spiel mit der Angst

Die Ökokrieger scheuten auch nicht das Spiel mit der Angst vor Krebs, das den wahren Kern mancher Studienergebnisse stark überhöhte. Es ging immer nur um geringe statistische Schwankungen eines einzelnen Krebssymptoms. Und diese nur bei Mäusestudien unter Extrembedingungen. Vieles konnte bei Wiederholung nicht bestätigt werden.

Allerdings könnte es einen guten Grund geben, warum sich Monsanto und Co nicht stärker verteidigt haben. Denn Glyphosat ist keineswegs der Geldbringer der Agrochemie, im Gegenteil. Das Patent ist seit Jahren ausgelaufen, Nachbauten weltweit haben die Preise verfallen lassen. Das freut die Landwirtschaft, lässt die Hersteller aber nach anderen Mitteln schielen (etwa: "Dicamba"). Dennoch: Schadensersatzforderungen stehen im Raum und dürften auch bis auf weiteres aufrechterhalten werden.

Global2000-Chemiker Burtscher-Schaden jedenfalls wurde nun auf die Shortlist des Österreichischen PR-Verbandes zur Wahl zum "Kommunikator der Jahres" gesetzt (neben Web-Expertin Ingrid Brodnig und Comedian Peter Klien). Eine Auszeichnung, die im Vorjahr an Caritas-Geschäftsführers Klaus Schwertner ging.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 47/2017 vom 24. November 2017 entnommen.

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