"Niemand ist in der Lage, alles selbst zu lösen"

Ferenc Horvath, Executive Vice President Downstream MOL Group

Ferenc Horvath, Executive Vice President Downstream der MOL Gruppe, zum Wandel des Öl- und Gasgeschäfts.

Klimawandel und CO2-Diskussion stellen die Öl- und Gasindustrie vor besonders große Herausforderungen. Die Branche sucht nach neuen Strategien, Technologie und Geschäftsfeldern. Ferenc Horváth, Executive Vice President Downstream der MOL Gruppe, zur Neuausrichtung des Unternehmens.

Erdöl, das über Jahrzehnte als Schmiermittel der Weltwirtschaft galt, ist im Zuge des Klimawandels zum Problemstoff Nummer Eins geworden. Die Rufe nach einem generellen Ausstieg aus dem Öl werden immer lauter und es wird an Alternativen geforscht. Neue Technologien, ein klimaneutraler Ersatz für das Erdöl und Recycling-Lösungen werden gesucht.

Im Mittelpunkt der Diskussionen um das "schwarze Gold" und seine Schattenseiten steht auch die Öl- und Gasindustrie, die gefordert ist, sich neu zu positionieren. „Kritik, Grenzwerte und Beschränkungen sind für uns nichts Neues. Damit mussten wir schon die letzten 30, 40 Jahre leben. Mit der CO2 -Diskussion hat das jetzt aber eine neue Dimension bekommen“, sagt Ferenc Horváth, Executive Vice President Downstream der MOL Gruppe, der die Industrie vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte sieht: „Es gibt einen massiven Druck der Konsumenten und auch einen klaren Auftrag der Shareholer.“

Zukunft in der Petrochemie

Mit dem Spatenstich für eine neue Polyol-Anlage in Tiszaújváros, wo 1,2 Milliarden Euro investiert werden – dem größten Investment in der Geschichte der MOL-Gruppe – hat der ungarische Öl- und Gaskonzern mit starkem Footptrint im CEE-Raum einen wichtigen Schritt gesetzt, um seine Transformation voranzutreiben.

Das Werk schafft dem Konzern ein neues Standbein in der Petrochemie und eröffnet ihm die Möglichkeit, im gesamten CEE-Raum und auch in Österreich als Zulieferer in dem Business aktiv zu werden. „Das ist ein neuer Ansatz im Sinne der Nachhaltigkeit des Unternehmens und der Resilienz über die gesamte Wertschöpfungskette“, betont Horváth, der das zukünftige Business der MOL-Gruppe als erheblich komplexer und aufwändiger sieht: „Wir müssen viel tiefer und weiter in die Wertschöpfungskette gehen als das bisher der Fall war. Dabei noch mehr in Forschung und Entwicklung investieren und neue Produktlinien mit nachhaltigem Wachstum entwickeln.“

Für den Manager gibt es dabei zwei K.O.-Kriterien, die für ein Engagement besonders relevant sind: Erstens einen Markt oder eine Wertschöpfungskette mit einem nachhaltigen Wachstumspotenzial und zweitens einen Markt, in dem das Angebot auch entsprechend knapp ist und sich somit der MOL-Gruppe auch ein entsprechendes Spielfeld bietet.

Hoffnungsmarkt Recycling

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Strategie 2030 und im Umwelt-Konzept des Konzerns ist das Kunststoff-Recycling. Bei dem Thema sind zwar noch viele Fragen offen, aufgrund der im Sommer 2018 eingegangenen strategischen Partnerschaft mit der deutschen APK AG hat die MOL aber auch hier schon mehr als nur einen Fuß in der Tür.

In einem neuen, von der MOL und APK gemeinsam im deutschen Merseburg errichteten Werk wird an neuen Methoden für das Kunststoffrecycling gearbeitet, die es ermöglichen sollen, hochwertige und reine Kunststoffe aus komplexen Verpackungen zurückzugewinnen, die aus einer Vielzahl von Schichten und Materialien bestehen. APK hat dafür die Newcycling-Technologie entwickelt, mit der bereits die in verschiedenen Kunststoffmischungen enthaltenen Kunststoffe selektiv zurückgewonnen und für hochwertige Produkte wiederverwendet werden können.

Nicht zuletzt aufgrund der ab 2025 geltenden EU-Verordnung, nach der Kunststoffverpackungen recycelt werden müssen, erwartet sich Horváth davon einen nachhaltigen Erfolg: „Wir sehen uns der Kreislaufwirtschaft verpflichtet. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Kunststoffrezyklaten. Unser Ziel ist, die Technologien in die Regionen zu bringen und beim Recycling Marktführer in Zentral- und Osteuropa zu werden.“

In eine ähnliche Richtung geht der Ansatz mit seinen Gummi-Bitumen-Fabriken, wo jährlich hunderttausende gebrauchte Autoreifen verarbeitet und zu Gummi-Bitumen für Straßenbeläge aufbereitet werden. Ein Werk ist bereits in Betrieb, ein zweites wird 2020 in Westungarn eröffnet.

Viel mehr als nur Sprit

Sonnenenergie, Bio-Treibstoffe – die MOL errichtet aktuell ein Bio-Ethanol-Werk in Kroatien – für das als klassischen Öl- und Gaskonzern bekannten Unternehmen scheint in Zukunft alles außer den altbekannten Treibstoffen, Benzin, Diesel und Heizöl, relevant zu sein.

„Wir müssen neue Lösungen entwickeln und investieren daher viel in Forschung und Entwicklung, arbeiten aber auch mit externen Partnern zusammen, denn auf viele Fragen gibt es noch keine Antworten und niemand ist in der Lage, alles selbst zu lösen“, sagt Horváth.

Offen sieht er auch das Match, welche Antriebstechnologie sich für Autos letztlich durchsetzen werde. Ob Batterie-Elektrisch, synthetische Treibstoffe oder Wasserstoff. „Die Decarbonisierung wird aber definitiv voranschreiten und wir müssen uns darauf einstellen“, sagt Horváth.

Das betrifft im Übrigen auch das Geschäft in Österreich, wo die MOL aktuell hauptsächlich Distributionsstandorte, aber auch Beteiligungen an Roth Heizöle und den Rumpold Tankstellen hält. Geschäftsbereiche, die in Zukunft möglicherweise nicht mehr so relevant sein werden. In Österreich will die MOL daher künftig besonders am Petrochemie-Markt kräftig mitmischen. Horváth: „Unser Ziel ist es, damit in all unseren Märkten, ob in Österreich, der Slowakei, Ungarn oder in Kroatien oder Rumänien der Champion zu sein.“


Die MOL-Gruppe

Mit 26.000 Mitarbeitern in 30 Ländern zählt die börsenotierte MOL-Gruppe (HU0000068952) zu den führenden Öl- und Gaskonzernen im CEE-Raum. Der im Wandel befindliche Konzern betreibt vier Raffinerien und 1.881 Tankstellen. Zwei Petrochemie-Fabriken sind bereits in Betrieb, im Herbst war Baubeginn für die dritte, bislang größte Anlage des Konzerns.

Der ungarische Staat ist an dem Unternehmen noch mit 15,24 % beteiligt, 34,62 % werden von vorwiegend institutionellen Investoren aus dem Ausland gehalten. Weitere Großaktionäre sind die Maecenas Universitatis Corvini Foundation mit 10 % und Oman Oil mit 7,14 %.

Ferenc Horváth

Der Manager ist seit 2003 Executive Vice President der MOL Raffinerie & Marketing Division, seit Mai 2011 Executive Vice President Downstream der MOL Gruppe. Er ist außerdem Aufsichtsratsmitglied der slowenischen Slovnaft und der kroatischen INA

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