"Eine Gesundheitsreform für ein Wirtschaftswunder"

"Eine Gesundheitsreform für ein Wirtschaftswunder"

Wirtschaftswunder durch gesundes Essen und Präventivmedizin: Der "Weltrat der Weisen" hält es für möglich.

Der im Sommer 2018 formierte "Weltrat der Weisen", eine Plattform von Wissenschaftlern und Experten, tritt an um Geschäftsmodelle für ein Wirtschaftswunder zu schaffen. Im trend-Gespräch erklären drei der "Weisen die Idee und die Notwendigkeit und das Potenzial von Reformen im Gesundheitssystem.

"Gesellschaftsmodelle für eine bessere Welt anbieten" - dieses hehre Ziel hat sich der im Sommer 2018 formierte "Weltrat und der Weisen", ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Fachexperten gesetzt. Vordenker des inzwischen rund 60-köpfigen Rats ist der Evolutionsbiologe Richard Dawkins. Der trend sprach mit den Ratsmitgliedern Manfred Mertins (Reaktor-Sicherheitsexperte und Honorarprofessor der TU Brandenburg), der deutschen Biologin Michaela Döll und dem Rats-Assitenten Michael Weber.


trend: „Gesellschaftsmodelle für eine Wirtschaftswunder schaffen“ – das ist eine ziemliche Ansage, mit der Sie selbstbewusst als „Weltrat der Weisen“ antreten. Dabei kommt man schnell aufs Glatteis. Was hat Sie denn bewogen, dabei mitzuarbeiten?

Manfred Mertins: Ich habe jahrzehntelang auf dem Gebiet der Kernindustrie gearbeitet, mich intensiv mit den Risiken bei der Kernenergie-Erzeugung befasst und die Vor- und Nachteile gesehen. Ein ganz wesentlicher Aspekt sind sichere Modelle, und dabei wird konsequent der Aspekt der Prävention verfolgt: Man muss den Fokus auf Vorsorge legen und sicherstellen, dass es nicht zu Unfallereignissen kommt. Das ist auch in der Gesellschaft nötig. Die ist ja derzeit so ausgerichtet, dass man versucht, die Folgen von Unfällen zu beseitigen, falls diese eintreten. Die Gesellschaft ist gefordert, mehr zu tun als auf die Katastrophen zu warten und dann die Folgen mit riesigen Mitteln zu beseitigen.

Manfred Mertins: Ich bin seit über 30 Jahren in der Weiterbildung von Medizinern tätig. Da geht es um Prävention und um ernährungsmedizinisch relevante Themen. Generell versteht man in der Medizin unter Prävention etwas Falsches, zum Beispiel eine Mammographie-Untersuchung. Das ist aber keine Prävention, sondern eine Diagnostik. Wenn wir über Prävention sprechen, dann müssen wir uns Lebensstil-Faktoren anschauen, die zur Verhinderung von Krankheiten beitragen. Hier gibt es ein schwarzes Loch, weil unsere Mediziner in den Bereichen Ernährung und Lebensstilfaktoren zu wenig ausgebildet sind.

Michael Weber: Das ist der Grundgedanke: Alle Systeme müssen auf Prävention, auf die Verhinderung eingestellt werden. Nicht nur in Atomkraftwerken, bei der Stromversorgung oder im Wasserbereich. Auch im Gesundheitssystem brauchen wir eine Ausrichtung auf Prävention, auf die Verhinderung von Krankheiten. Das wäre volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich ein Riesengewinn.

trend: Aber kann das ein Wirtschaftswunder herbeiführen?

Michael Weber: Man muss bedenken, was es für Betriebe bedeutet, wenn ein Mitarbeiter zwar am Arbeitsplatz aber trotzdem nur halb leistungsfähig ist, weil er sich nicht wirklich vital fühlt, nicht durchtrainiert ist, nicht kerngesund ist. Was für ein enormer Schaden daraus entsteht. Wir müssen unsere Bevölkerung fit und leistungsfähig in den Unternehmen halten. Etwa 80 bis 90 Prozent der Krankheiten und die gesamten damit einhergehenden volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Schäden könnten mit einer gut bezahlten Präventivmedizin verhindert werden.

Michaela Döll: Man muss versuchen, die Menschen zu informieren und zu instruieren, was sie wirklich präventiv tun können. Die spielt dabei Ernährung eine wesentliche Rolle, denn die Lebensstilfaktoren interagieren auch mit unseren Genen. Wir wissen zum Beispiel aus der epigenetischen Forschung, dass Kinder von übergewichtigen Frauen ein erhöhtes Risiko für Diabetes oder Stoffwechselstörungen haben. Alles was wir tun und lassen hat Einfluss auf die Genregulation und entscheidet damit auch über Krankheit und Gesundheit.

Manfred Mertins: Wir sprechen bei der kritischen Infrastruktur - zu der auch die Kernenergie gehört - davon, Versagen auszuschließen. Wo es auch immer herkommen mag: Das katastrophale Versagen muss ausgeschlossen werden. Es muss eine Prävention stattfinden, die bereits leichte Störungen im System erkennt und sofort wieder auf den Normalzustand zurückgeführt werden, sodass echte Störfälle – beim Menschen wären das Krankheiten – praktisch ausgeschlossen werden. Auf die Medizin umgelegt würde das bedeuten, dass man alles bezahlt, um zu vermeiden, dass es überhaupt zu Krankheiten kommt. Natürlich können Krankheiten auftreten und müssen auch behandelt werden, aber die Behandlung sollte nicht im Mittelpunkt stehen.

trend: Es ist sicher gut, wenn man einen Arzt zur Seite hat, der sportliche Aktivitäten, die Kalorienaufnahme und die konsumierten Lebensmittel analysiert. Aber liegen Themen wie Fitness und Ernährung nicht eher in der Eigenverantwortung der Menschen?

Michaela Döll: Natürlich müssen wir im Endeffekt eine Eigenverantwortung für unser Leben und unsere Gesundheit übernehmen. Wir können nicht davon ausgehen, dass uns jemand an der Hand nimmt und das für uns tut. Wenn ich mit meiner Ernährung auf die Qualität der Lebensmittel und die Energiezufuhr achte, dann werde ich mit meinem Körpergewicht nicht die Probleme haben, die Personen haben, die sich mit den falschen Fetten fettreich und zuckerreich ernähren. Und wenn ich ein gewisses Gesundheitsbewusstsein erlangt habe, werde ich auch zur Bewegung gelangen und mich bewegen wollen. Die größtmögliche Kompetenz in Sachen Lebens- und Ernährungsstil liegt aber bei den Ärzten und es ist schade, dass dieses Potenzial nur marginal genutzt wird. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich rein statistisch gesehen eine Ernährung in unsere Leben eingeschlichen, die mehr krankheitsfördernd als krankheitshemmend wirkt.

trend: Wären nicht eher die Politik, die Gesellschaft gefordert, mit Aufklärungsarbeit und Kampagnen das Bewusstsein der Bevölkerung zu wecken, eventuell die Wirtschaft zu beeinflussen?

Manfred Mertins: Die Politik greift auch nur immer das auf, was aktuell ist. Es wird immer nur über darauf reagiert, was gerade im Fokus ist. Heute ist es Diesel und wenn es morgen Zucker ist, dann wird eben über Zucker geredet. Es werden die Themen behandelt, die vielleicht für eine Wahl gut sind, aber nicht, was als Systemlösung gut wäre.

Michael Weber: Wir brauchen ein System, in dem am Ende „Wellness-Konzerne“ bestehen, in denen der Hausarzt mit Ernährungsberatern und Fitness-Kursen ein Faktor ist. Eine Beitrags-Rückerstattung könnte Versicherte motivieren, regelmäßig an solchen Kursen teilzunehmen. Honoriert werden könnte einem Schlüssel, wie viele teure Operationen aufgrund der Prävention nicht durchgeführt werden mussten. Der Lebensmittelhandel sollten so wie die Pharmakonzerne Partner in dem System sein. Der Handel dafür belohnt werden, gesunde Produkte anzubieten, die mit einer Art „Krankenversicherungs-Einkaufskarte“ bezahlt werden, über die der Handel dann wieder an den eingesparten Behandlungskosten anteilig beteiligt werden kann. Man muss ein gesamtes, geschlossenes System an Reformen schaffen.

trend In den Lebensmittelgeschäften gibt es solche „gesunden Produkte“ doch schon längst. So führt zum Beispiel jeder Supermarkt Bio-Produkte und in Österreich haben alle drei großen Player im Handel – Rewe, Spar und Hofer – sogar sehr erfolgreich eigene Produktlinien mit Bio-Lebensmitteln im Programm.

Michaela Döll: Die Ernährung ist aber einfach grundlegend sehr viel schlechter geworden bei uns. Die Empfehlung der WHO liegt bei sechs Teelöffel Zucker pro Tag. Bei uns werden pro Kopf und Tag durchschnittlich 24 Teelöffel zugesetzter oder anders versteckter Zucker konsumiert – also das Vierfache. Dabei macht Zucker nicht nur dick, sondern auch süchtig, schädigt die Nervenzellen und wirkt entzündungsfördernd. Wir brauchen daher ein besseres Bewusstsein. Da könnten unsere Therapeuten schon einiges leisten.

Michael Weber: Konzerne machen ihre größten Profite, wenn sie ungesunde Produkte verkaufen. Dazu müssen die Belohnungssysteme geändert werden. Auch die Lebensmittelkonzerne stehen in einem knallharten Wettbewerb. Wenn die Gewinne der Lebensmittelindustrie vom Gesundheitszustand der Bevölkerung abhängig gemacht würden, dann brächten gesunde Lebensmittel auch ausreichend Profit, mehr Geld als andere. Das ist möglich.

trend In Ihrem System an Reformen: Wie sollte nun eine Reform bei den Ärzten gestaltet sein?

Michael Weber: Es muss eine Belohnung dafür geben, wenn ein Arzt durch Präventivmaßnahmen und Präventivmedizin die Gesundheitskosten-Erwartungskurve eines Versicherten verbessert, sodass die unter den Erwartungen bleibt. Und man muss messen, ob die Präventionsangebote der Ärzte positive Auswirkungen haben. Wenn es dadurch gelingt, Krankheiten zu verhindern, dann wird das Gesundheitssystem zu einem Gesundheitssystem.Im Moment würden sich Ärzte aber wirtschaftlich ruinieren, wenn die Leute gesund bleiben und keinen Arzt mehr brauchen. Das ist der Fehler im System. Wenn wir es nicht so ändern, dass Ärzte Geld bekommen, wenn man nicht krank wird und dafür etwas weniger, wenn man chronisch krank wird, dann wird sich daran auch nichts ändern. Wir können moralisch an die Ärzte appellieren, dass sie das tun, aber die müssen auch ihre Praxen und ihre Mitarbeiter bezahlen.

Manfred Mertins: Wenn wir überhaupt daran denken, eine Änderung im Systemverständnis erreichen zu wollen, dann muss man genau darüber sprechen. Der Beruf des Arztes hat sich dahingehend verschoben, Krankheiten zu behandeln. Weniger darauf, Indikatoren zu erkennen und Krankheiten auszuschließen. Im Bereich der kritischen Infrastrukturen gehen wir genau anders herum: Wir kennen die Auswirkungen von Katastrophen und tun das Möglichste, um sie zu verhindern. Es wird sehr viel Geld in die Hand genommen, um Ursachen zu erkennen und auszuschließen. Trotz allem kann einmal etwas passieren. Jedes System kann auch einmal auslassen. Das Hauptaugenmerk muss aber darin liegen, diese Dinge frühzeitig zu erkennen und möglichst auszuschließen.

Michael Weber: Das brächte einen volkswirtschaftlichen Vorteil. Einen Aufschwung, weil weniger Menschen leistungsgemindert im Krankenbereich sind. Das könnte ein Wirtschaftswunder auslösen

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