Milchkrise: Schluck um Schluck ins Verderben?

Milchkühe

Milchkühe

Angesichts des dramatischen Milchpreisverfalls fordern die Bauern der IG Milch eine Reduktion der Milchproduktion in Österreich um bis zu 20 Prozent, damit sich der Milchmarkt wieder stabilisiert. Alle Molkereien in Österreich sollen nach Vorbild der Gmundner Molkerei ein Milchmengen-Begrenzungssystem einführen. Deutschlands Milchbauern erhalten 100 Millionen Euro Soforthilfe.

Europaweit wird seit Monaten mehr Milch produziert als nachgefragt. Das drückt die Preise auf ein für viele Milchbauern ruinöses Niveau. Die Gründe für den Verfall sind vielfältig. Unter liegt es daran, dass vor gut einem Jahr in der EU die Milchquote ausgelaufen ist. Auch das Embargo Russlands und eine schwächere Nachfrage aus China ist Teil des Puzzles.

Es handelt sich um "eine existenzbedrohende Krise für alle Milchbauern", aus der man nur herauskommen könne, wenn weniger produziert werde, betont Ewald Grünzweil, Obmann der heimischen IG-Milch. Für Grünzweil ist jedoch weder die Russland-Sanktionen noch die Wachstumsdelle in China Schuld an der Krise, sondern die Agrarpolitik, die mit Liberalisierung und Produktionsanreizen, die Milchbauern in die aktuelle Lage gebracht habe.

Seit März bekommen die heimischen Milchbauern von den großen Molkereien nur mehr 27 bis 29 Cent für ein Kilo konventionelle Milch, für Bio-Heumilch rund 48 Cent. Vor zwei Jahren lag der konventionelle Milchpreis noch bei rund 40 Cent. In einigen Ländern, etwa Deutschland und Spanien, liegt der Bauern-Milchpreis bereits teilweise unter 20 Cent.

"Wir sind Teil des Problems", sagt der IG-Milch Obmann. Die konsequente Umsetzung der in den Agrarschulen gepredigten Grundsätze von Kostenreduktion und Produktivitätsausweitungen, hätte zu einer massiven Milchüberproduktion geführt. Die Folge: Ein Drittel der österreichischen Milchproduktion muss nicht kostendeckend "verramscht" werden.

Europaweite Milchkrise

Überproduktion, ein zu großes Angebot bei einer zu geringen Nachfrage und dramatisch gefallene Preise, zu denen nicht mehr kostendeckend produziert werden kann - diese Probleme gibt es nicht nur in Österreich. Auch im restlichen Europa bleiben die Milchbauern auf ihrer verderblichen Ware sitzen oder können sie nicht mehr kostendeckend verkaufen.

EU-Agrarkommissar Phil Hogan hat den leidenden Milchbauern in Europa weitere Hilfen in Aussicht gestellt. "Die Kommission hat sämtliche ihr zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mittel genutzt und wird auch künftig alles tun, um den Bauern unter die Arme zu greifen", sagte er. Im Jahr 2016 habe die EU bereits 218.000 Tonnen Magermilch zu Festpreisen aufgekauft. Hogan will vorschlagen, die Obergrenze für den Ankauf von Erzeugnissen zu Festpreisen auf 350.000 Tonnen anzuheben. Im vergangenen Jahr habe es Stützungsmaßnahmen für rund 2,8 Millionen Tonnen Milch, Butter und Käse gegeben. Das habe ganz erheblich dazu beigetragen, dass die Milchpreise nicht noch weiter gefallen seien.

Der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt berät mit Vertretern der Bauern und der Milchindustrie und des Handels auf einem sogenannten Milchgipfel in Berlin über Maßnahmen zum Stopp des Preisverfalls bei dem Nahrungsmittel.Schmidt hat bereits Direkthilfen für die deutschen Milchbauern von bis zu 100 Millionen Euro ins Gespräch gebracht. "Wir werden eine Reihe von Betrieben über Bürgschaften, Kredite sowie steuerliche Erleichterungen stützen", sagte er. Beim aktuell sehr niedrigen Milchpreis gebe es viele Landwirte, die sonst das nächste halbe Jahr nicht überleben könnten.

Lösungsvorschläge

In der Krise kommt es bisweilen auch zu einigermaßen absurden Lösungsvorschlägen. So hat sich etwa der deutsche Bauernpräsident Joachim Rukwied angesichts der Milchkrise für Preisabsprachen ausgesprochen: "Wir brauchen neue verbindliche Absprachen zwischen Bauern, Molkereien und dem Handel", erklärte er.

Der Discounter Lidl hat wiederum eine Sondersteuer für Milch in Gespräch gebracht. Klaus Gehrig, Chef der Schwarz-Gruppe, zu der der Discounter gehört, erklärte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Wenn der Staat etwas regeln will, dann soll der Staat es regeln. Durch eine Sondersteuer, die alle gleichermaßen trifft."

Die Retourkutsche aus der Politik kam sofort: Damit würde sich der Handel aus seiner Verantwortung stehlen. Sein ruinöser Preiskrieg mit Lebensmitteln sei Teil des Problems", erklärte die Politikerin Gitta Connemann. Nicht nur der Handel, auch die Genossenschaften müssten ihrer Verantwortung gerecht werden.

In der Schweiz stehen die Milchproduzenten vor den gleichen Problemen. Eine kostendeckende Molkereimilchproduktion sei bei den gegenwärtigen Preisen in praktisch keinem Betrieb mehr möglich, schlagen sie Alarm. Viele Milchproduktionsbetriebe seien in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, das Milchland Schweiz in Gefahr.

Milchdialog Mitte Juni

Große Hoffnung setzt die IG Milch auf einen "Milchdialog" am 14. Juni im Parlament mit Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter. Bei diesem Treffen sollen Parlamentsabgeordnete, Bauern, Vertreter der Lebensmittelhändler und Molkereien, Konsumentenvertretern und zivilgesellschaftlichen Organisationen die Krise am Milchmarkt diskutieren und gemeinsam Lösungsansätze entwickeln. IG-Milch-Obmann Grünzweil hofft, dass "tragfähige und nachhaltig wirkende Kompromisse" gefunden werden können.

Mit Investitionsförderungen oder der Einlagerung von Milchpulver sei das Problem der Überproduktion aber sicher nicht lösbar. Landwirtschaftskammer-Präsident Hermann Schultes hatte in der "ORF"-Pressestunde plädiert, die produzierte Menge an die Nachfrage anzupassen, um die Preisschlacht zu stoppen. Für den Bundesobmann der Österreichischen Jungbauernschaft, Stefan Kast, wäre eine Reduktion der Milchmenge ohne finanzielle Anreize zum Scheitern verurteilt.

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