Metro kämpft um die Gastronomen

Metro kämpft um die Gastronomen

Metro Österreich-Chef Arno Wohlfahrter: "Immer wieder etwas anderes zu tun, fasziniert mich schon auch."

Metro, der Supermarkt der Wirte, stellt sich um: vom nüchternen Hochregalbetreiber für Großpackungen zum Full-Service-Provider der Gastronomen. Digitalisierung und E-Mobilität spielen dabei eine wichtige Rolle.

Schade, dass es St. Pölten nicht öfters gibt - zumindest die örtliche Metro-Filiale, findet Arno Wohlfahrter, seit zwei Jahren Chef von Österreichs Marktführer im Gastronomiegroßhandel. Der neue Cash-&-Carry-Vorzeigemarkt ist ein Schmuckstück in Sachen Nachhaltigkeit mit heimischem Fichtenholz, Wärmerückgewinnung und Photovoltaikanlage. Drinnen regionale Produkte, mehr als bei einem Großhändler üblich. Wohlfahrter: "Unsere Botschaft ist die: Unser Geschäftsmodell lässt sich zu ähnlichen finanziellen Bedingungen auch nachhaltig organisieren."

Regionalität? Nachhaltigkeit? Emissionsfreiheit? Themen, die bei Billa, Spar & Co. seit Jahren gepuscht werden, weil es den Konsumenten wichtig ist, kommen nun auch im Großhandel an. Wirte wollen neuerdings nicht nur billigen Warennachschub, sondern auch eine nachhaltige Lieferkette, merkt Wohlfahrter: "Das Interesse an St. Pölten ist riesengroß, das Feedback unserer Kunden sehr gut. Die merken, das ist bei uns mehr als nur eine Masche."

Cash, aber nicht Carry

Dabei ist das Bewusstsein für Nachhaltigkeit nur eine der Veränderungen, denen sich die Branche gegenübersieht. Das Geschäftsmodell des Cash & Carry, eines Abholmarktes für Großverbraucher in Gastronomie und Hotellerie, wandelt sich. Aus funktionalen Versorgungsstationen, wo nur Kleinpreise für Großpackungen zählen, werden Dienstleister für Großküchen.

So wollen immer mehr Wirte beliefert werden, statt selbst mit dem Kleintransporter "zum Metro" zu fahren. Wohlfahrter hat daher die Metro Express ins Leben gerufen, eine Lieferflotte, organisiert vom Logistikpartner Post. Nach einer ersten Testphase in Wien werden Kunden ab sofort auch in Linz und Graz betreut. Mit einer Zustellgarantie von drei Stunden - ein Bestwert.

Metro setzt dabei auf Elektrovans. Eine Herausforderung, denn immer noch wird mit der Reichweite der Fahrzeuge und mit dem Umgang mit der Tiefkühlware herumexperimentiert. Statt auf aktive Kühlung durch eine Bord-Klimaanlage setzt man auf passive Kühlung durch spezielle Frischhalteboxen.

Auch digitale Dienstleistungen erfahren derzeit ein Upgrade. Bei Metro etwa soll eine eigene Bestell-App die seit Jahren gepflegte Onlinebestellung über die eigene Website ergänzen. Man gestaltet zudem den Webauftritt für Gastronomen und optimiert die Auffindbarkeit in Suchmaschinen. Ein anderes Tool übernimmt die Tischreservierung inklusive Erinnerungsfunktion für die Gäste. Und wieder eine andere App sorgt dafür, dass die heiklen Fischprodukte in ihrer ganzen Lieferkette rückverfolgbar werden.

Risikofaktor Großfläche

Das Problem dabei: Die Entwicklung hin zum Digitalen verläuft nicht bei allen Gastronomen gleich schnell. Während die einen schon smart managen, kommen die anderen noch mit dem alten Lieferwagen um sechs Uhr früh, um den Wochenbedarf an Zucker, Nudeln und Tischservietten einzukaufen. Das heißt, bei rund 500.000 aktiven Kunden (über Kundenkarte registriert) müssen beide Systeme parallel aufrechterhalten werden, die stationären Filialen wie die Onlinezugänge.

Damit allerdings werden die großen Verkaufsflächen der Cash-&-Carry-Märkte zu einem Risikofaktor. Immerhin hat Metro 140.000 Quadratmeter davon, das macht bei zwölf Märkten in Österreich jeweils über 10.000 Quadratmeter. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Merkur-Verbrauchermarkt aus der Rewe-Gruppe bespielt 1.800 Quadratmeter.

Bislang war die Fläche auch notwendig für die Präsentation und Lagerung von 48.000 Artikeln für Gastronomie und Hotellerie. Das zunehmende Onlinebusiness sowie die Konkurrenz anderer Gastronomiegroßhändler wie etwa Kastner (Niederösterreich) oder Transgourmet (Oberösterreich) werfen neue Verwendungsfragen auf. Metro will auch hier ein Upgrading vornehmen und die Warenpräsentation modernisieren.

Es geht um neue Services, um Test- und Probestationen, um Präsentationsvorschläge. Sogar Start-ups dürfen neuerdings Flächen nutzen, um ihre Produktneuheiten zu präsentieren. Die ersten Pitches fanden bereits statt.

Budgetfrage

Die Stoßrichtung ist also klar, es geht in Richtung Full-Service-Provider für die Wirte. Doch das Budget dafür ist nicht unendlich groß. Metro macht zwar Gewinne, die Umsätze stagnieren allerdings seit Jahren bei rund 800 Millionen Euro - was immer noch rund 5.900 Euro pro Quadratmeter ergibt. "Stabil" nennt es Wohlfahrter.

Die Eigentümer, die deutsche Metro (mit dem früheren und mittlerweile abgespaltenen Elektronik-Bereich Saturn/Media Markt) und zu 27 Prozent die Aspiag, die Beteiligungsgesellschaft der Eigentümerfamilien der Supermarktkette Spar, sind ein Garant für langfristige Strategien - aber auch bekannt für durchaus straffes Cashmanagement.

Seit zwei Jahren müssen die Österreicher über ein "New Operating Model" doppelt so viel Geld an die deutsche Mutter abliefern als zuvor (rund 16 Millionen Euro). Dort wurde erst vor einem Jahr der Elektronikbereich vom Lebensmittelhandel getrennt. Seither steht man unter Druck, die bei der Aufspaltung gemachten Wachstumsversprechen an die Aktionäre zu erfüllen.

Einen zweiten St. Pöltner Vorzeigemarkt (Kostenpunkt: 20 Millionen Euro) wird es daher auch nicht so schnell geben, gesteht Wohlfahrter: "Natürlich sind wir ein Konzern, der kapitalistischen Kriterien gehorchen muss, wenn es auch, wie schon andere schrieben, Grenzen des Wachstums gibt."

Sportler, Banker, Händler

Mit Wohlfahrter haben es die Eigentümer jedenfalls gut getroffen. Denn wenn einer den Change-Prozess abwickeln kann, dann ist es der ehemalige Rad-Spitzensportler. Der geerdete Manager, der noch "das Privileg hatte, mit einem Bauernhof in der Nähe aufgewachsen zu sein", hat eine abwechslungsreiche Karriere hinter sich und kann mit Bruchlinien umgehen.

Nach seiner Sportlaufbahn war er Journalist und Buchautor. Dann der Einstieg in die Wirtschaft. Bei Agip baute er Tankstellenshops auf und entwarf Autobahnraststätten. Als nächste Station wartete die Bawag. Hier betreute Wohlfahrter KMU als Kunden, zu einem guten Teil Gastronomiebetriebe. Und vor zwei Jahren kam für ihn die Chance, das Gastronomiebusiness von der Handelsseite her kennenzulernen.

Vielleicht hat Metro bei der Suche nach einem neuen Boss ja eine von Wohlfahrters Erkenntnissen aus seiner Zeit als Radprofi gelesen: "Im Sport", so schrieb er, "lernt man ganz schnell, auf Fehler zu reagieren. Das ist schon eine gute Schulung fürs Berufsleben."


"Kein grünes Mäntelchen"

Arno Wohlfahrter: Warum er als Ex-Spitzensportler weiß, was Gastronomen wollen.

trend: Ist das Thema Nachhaltigkeit bei einem Großhändler mehr als nur eine Masche?
Arno Wohlfahrter: Wir tun alles, dass Nachhaltigkeit eben kein grünes Mäntelchen wird. Denn sonst würden wir auch nicht dauerhaft davon profitieren, weder als Gesellschaft noch als Unternehmen.

Aber verdienen tut man daran erst einmal nichts?
Wohlfahrter: Wie schnell die Umgestaltung passiert, hängt schon von unseren Kunden ab. Unser Konzern muss kapitalistischen Kriterien gehorchen. Natürlich maßen wir uns keine Weltverbesserungsallüren an.

Was muss sonst noch alles verändert werden?
Wohlfahrter: Wir haben ein sehr stabiles Geschäftsmodell, das hier und dort Adaptierungen bedarf. Etwa die Frage, welcher Anteil über Online abgehandelt werden kann und welcher über physische Standorte.

Sie können ganz gut mit diesen Bruchlinien umgehen, auch angesichts der eigenen Karriere?
Wohlfahrter: Auch wenn es so aussieht, da waren nicht so viele Brüche. Es gibt viel mehr Gleichheiten als Unterschiede, wenn man es genau betrachtet. Ich hatte immer mit Gastronomie zu tun, sei es bei den Tankstellenshops, mit Bankkunden bei der Bawag oder nun eben als Großhändler. Natürlich - das Gefühl, immer wieder etwas anderes zu tun, fasziniert mich schon auch.


Zur Person

Arno Wohlfahrter , 53, ist ehemaliger Radrennfahrer, Journalist, Tankstellenmanager, Banker - und seit zwei Jahren Chef des Lebensmittel-Großhändlers Metro Österreich. Seine Cash-&-Carry-Märkte bieten über 48.000 Artikel für Gastronomie und Hotellerie. Metro hat in Österreich zwölf Märkte mit insgesamt 140.000 Quadratmeter Gesamtfläche.


Die Geschichte ist der trend-Ausgabe 18/2018 vom 4. Mai 2018 entnommen.

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