"Menschliches Leben wird nicht ausreichend gewürdigt"

Trotz Corona und trotz Rekord-Umweltschäden liefert der Chef der Wiener Städtischen Versicherung, Ralph Müller, ein sehr gutes erstes Jahr ab. Mit der Politik zeigt er sich im trend-Interview aber unzufrieden.

Ralph Müller, Vorstandsvorsitzender Wiener Städtische Versicherung

Ralph Müller, Vorstandsvorsitzender Wiener Städtische Versicherung

trend: Angesichts der guten Q3-Zahlen der VIG gehe ich davon aus, dass die Wiener Städtische heuer wieder bei den Prämien und dem Gewinn wachsen wird.
Raloph Müller: Ja, unser Ergebnis atmet mit der VIG natürlich mit. So viel kann man bereits sagen: Wir werden in diesem Jahr ein gesundes Wachstum sehen, am stärksten bei der Schaden-/Unfallversicherung mit rund vier Prozent, in der Krankenversicherung mit rund drei Prozent und bei der Lebensversicherung sind wir leicht rückläufig. Bei Letzterer sind wir zwar besser als der Markt, aber sehen dennoch ein kleines Minus.

Trotz massiver Unwetterschäden und trotz Corona wächst das Versicherungsgeschäft also weiter. Man könnte den Eindruck bekommen, Ihr Geschäft ist ein Selbstläufer...

Unser Geschäft ist wahrscheinlich der große Stabilisator in der Volkswirtschaft. Letztes Jahr sind wir kaum zurückgefallen, allerdings erleben wir auch jetzt nicht einen gewaltigen Aufschwung. Ich denke, das ist für eine Volkswirtschaft gut, wenn es Branchen gibt, die von beiden Extremen nicht so betroffen sind. Selbstläufer ist das Geschäft jedenfalls nicht. Operativ steht dahinter eine umfangreiche Vertriebsund Betreuungstätigkeit der Kollegen.

Wie wird die Wiener Städtische auf die zunehmenden Klimaschäden reagieren? Wird es zu Prämienerhöhungen kommen?
Dieser Trend ist ungebrochen, die Schadenszahlungen haben sich in den letzten Jahren massiv erhöht. Heuer hatten wir ein absolutes Rekordjahr mit bislang 45.000 Schadensmeldungen und 180 Millionen Euro Schadensaufwand. Das wird von uns über gebildete Reserven und eine gute Rückversicherungspolitik abgefedert. Aber natürlich führt der Klimawandel auch mittelfristig zu adäquaten Anpassungen bei den Prämien, weil die Rückversicherungsprämien auch teurer werden.


Als Versicherung und Großinvestor sind wir aufgefordert, mehr und mehr klimaneutral zu investieren.

Beim Thema Klimaschutz/Nachhaltigkeit tut sich ja regulatorisch sehr viel. Wie sehen Sie diese Regularien?
Das wird uns in den nächsten Jahren sicher massiv beschäftigen. Der europäische Gesetzgeber hat sich ja zum Ziel gesetzt, dass er über die Finanzwirtschaft die Wende zum nachhaltigen Wirtschaften einleiten will. Als Versicherung und Großinvestor sind wir aufgefordert, mehr und mehr klimaneutral zu investieren. Das ist regulatorisch ein schwieriger Weg, weil die Regeln alles andere als klar sind. Der bürokratische Aufwand dafür ist immens. Meine Sorge dabei ist, dass wir als Gesellschaft sehr viel Zeit verlieren, bis diese Maßnahmen tatsächlich wirken.

Wie groß ist der bürokratische Aufwand für Ihr Unternehmen?
Allein mit der Umsetzung der Regeln sind bei uns 20 Mitarbeiter beschäftigt. Aber mir ist klar, der Weg ist alternativlos.

Wie sehen die Bemühungen der Wiener Städtischen in Richtung CO2-Neutralität aus?
Wir versichern zum Beispiel keine Unternehmen mehr, die im Kohleabbau tätig sind, und investieren in diese Firmen nicht mehr. Auch in Waffenproduktionen oder Unternehmen mit prekären Arbeitsverhältnissen investieren wir nicht. Und natürlich achten wir auch bei uns im Haus auf Klimaschutz, indem wir etwa die Firmenfahrzeuge auf E-Autos umstellen, E-Ladestationen und Photovoltaikanlagen errichten.


Wir erfassen den Impfstatus generell nicht. Das ist auch nicht angedacht.

Wie viel Ihres verwalteten Vermögens fließt in nachhaltige Investments?
Alles, was neu veranlagt wird, geschieht nach ESG-Kriterien. Die Zusammensetzung des Portfolios müssen wir ab dem übernächsten Jahr eigens bewerten. Dazu fehlen aber noch die Details.

Gibt es von Ihrer Seite auch Kritik an diesen ESG-Regularien?
Was uns sicher helfen würde, wären einfache, gut nachvollziehbare Regelungen. Vieles ist eher prinzipienbasiert.

Auf Sie kommen ja auch gegenüber Ihren Kunden neue Transparenzpflichten in Zusammenhang mit dieser Thematik zu. Was erwartet da die Kunden?
Ja, ab Sommer nächsten Jahres werden wir beim Abschluss von Lebensversicherungen die Kunden nach ihren persönlichen Nachhaltigkeitspräferenzen befragen müssen.

Corona hat ja die Nachfrage nach Gesundheitsvorsorgeprodukten verstärkt. Was decken denn Ihre Zusatzkrankenversicherungen in Verbindung mit Corona ab?
Long Covid ist jedenfalls bei den meisten Tarifen umfasst. Im Falle einer Behandlung in einer Intensivstation können wir aber keine Leistungen erbringen.

Werden bei den Krankenversicherungen die Prämien deswegen hinaufgeschraubt?
Nein. Wir haben während Corona gesehen, dass die Inanspruchnahme von Operationen oder ähnlichen Leistungen etwas zurückgegangen ist. Da werden wir vermutlich nach dem Lockdown Nachholeffekte sehen.

Sind Krankenversicherungen für Ungeimpfte teurer?
Nein.

Aber für Raucher ist es ja auch teurer?
Wir erfassen den Impfstatus generell nicht. Das ist auch nicht angedacht.


Es wäre schon früher alternativlos gewesen, stärkere Maßnahmen zu setzen.

Wie würden Sie das Coronamanagement der Regierung der letzten Monate beurteilen?
Angesichts der aktuellen Coronaerkrankungen muss man sagen, dass es der Regierung offensichtlich nicht gelungen ist, ausreichend zu intervenieren. Natürlich verstehe ich, dass die Wirtschaft einen Lockdown mit allen Mitteln hintanstellen will, aber ich denke, das Gut "menschliches Leben" wird nicht mehr ausreichend gewürdigt. Wenn man sieht, mit wie vielen Todesfällen wir tagtäglich konfrontiert sind, wäre es schon früher alternativlos gewesen, stärkere Maßnahmen zu setzen.

Sie meinen, ein Lockdown und eine Impfpflicht wären früher notwendig gewesen?
Ja, das wäre sicher hilfreich gewesen.

Jetzt haben wir diesen Lockdown also wieder. Hat sich die Wiener Städtische da im Falle von Betriebsschließungen neue Produkte einfallen lassen?
Ein flächendeckender Lockdown ist nicht versicherbar. Ein Flächenbrand, bei dem alle Häuser brennen, kann per Versicherungsprinzip nicht abgedeckt werden. Da stoßen wir an unsere Grenzen. Aber individuelle Betriebsschließungen sind schon versicherbar.

Die Versicherungen haben ja zu Beginn der Pandemie einen mit 100 Millionen Euro dotierten Corona-Hilfsfonds für Kunden errichtet. Wurde das alles aufgebraucht?

Die Mittel sind alle im letzten Jahr ausgeschöpft worden. Das war eine freiwillige Hilfe der Branche und kann auch nicht noch einmal gewährt werden.


Es ist enttäuschend, dass das Thema Altersvorsorge bei der Steuerreform keinen Widerhall gefunden hat.

Sie sind ja nahezu der einzige Anbieter der prämienbegünstigten Zukunftsvorsorge. Warum verkaufen Sie diese schlecht verzinsten Produkte noch an Kunden?
Das ist wahrscheinlich aus Sicht eines Kunden, der Anfang der 2000er-Jahre mit so einem Sparprodukt begonnen hat, eines der besten und erfolgreichsten Produkte zur privaten Altersvorsorge, das es gibt. Kunden, die das Produkt bis heute gehalten haben, haben sehr attraktive Wertentwicklungen. Und das Produkt hat nach wie vor eine gute Perspektive, weil man einen hohen Anteil hat, der in den klassischen Deckungsstock veranlagt ist. Der Förderbeitrag ist zwar kleiner geworden, aber in Summe ist das Produkt noch immer eine gute Basis für die Altersvorsorge.

Die Regierung arbeitet ja gerade die Details zur Steuerreform aus. Wie beurteilen Sie diese?
Es ist enttäuschend, dass hier das Thema Altersvorsorge keinen Widerhall gefunden hat. Die Versicherungswirtschaft hat einige klare Vorschläge auf den Tisch gelegt, um die private Altersvorsorge attraktiver zu machen. Das staatliche System wird weniger leisten, und man wird daneben private Kapitalstöcke aufbauen müssen. Ein Beispiel: Wir befinden uns in einem Niedrigzinsumfeld und die Versicherungssteuer in der Lebensversicherung beträgt immer noch vier Prozent. Das mag in einem anderen Zinsniveau gerechtfertigt sein, aber heute sicher nicht mehr. Also haben wir uns für eine Halbierung eingesetzt, bei nachhaltigen Fonds könnte sie eventuell ganz entfallen. Die Erwartungshaltung an die Regierung wäre schon, dass hier noch etwas kommt.

Der Wiener Städtische Versicherungsverein hat kürzlich der Erste Group ihre Anteile aufgestockt. Bedeutet das eine engere Zusammenarbeit mit der Bank?
Unsere Zusammenarbeit mit der Erste Group und den Sparkassen läuft geschäftlich und auch auf menschlicher Ebene ausgezeichnet.

Sie sind jetzt seit knapp einem Jahr im Amt. Was hat sich für Sie geändert?
Eigentlich sehr wenig, ich bin ja seit 2011 in der Gruppe tätig. Der Übergang ist sehr harmonisch und friktionsfrei vonstattengegangen.

Was hat sich für die Mitarbeiter geändert?
Ich hoffe, sie sind mit mir zufrieden. Mir ist wichtig, dass sie sich hier heimisch fühlen und gerne bei der Wiener Städtischen arbeiten.

Es wird immer gemunkelt, Herr Löger könnte Frau Stadler an der VIG-Spitze beerben. Was hielten Sie davon?
Das möchte ich nicht kommentieren. Ich schätze jedenfalls beide sehr.

Die Allianz Versicherung hat ein Stadion, das nach ihr benannt ist, die Generali ebenso. Die Wiener Städtische ist "nur" Sponsoringpartner von Red Bull. Kein Interesse an einem Wiener-Städtische-Stadion?
Wir sind mit unserer derzeitigen Sponsoringsituation sehr zufrieden. Das Sponsoring von Red Bull ist sehr stark von der Salzburger Landesdirektion getrieben. Aber wir sponsern bei der Austria auch den Damenfußball oder beim Eishockey die Vienna Capitals und wir sind sehr stark im Breitensport in ganz Österreich aktiv.


Das Interview ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 26. November 2021 entnommen.

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