Aus für Meisterprüfungen? „Das wäre verantwortungslos“

Installateur, Fliesenleger, Optiker - für viele Berufe wird weniger Ausbildung gefordert, um einen Betrieb eröffnen zu können.
Installateur, Fliesenleger, Optiker - für viele Berufe wird weniger Ausbildung gefordert, um einen Betrieb eröffnen zu können.

Installateur, Fliesenleger, Optiker - für viele Berufe wird weniger Ausbildung gefordert, um einen Betrieb eröffnen zu können.

Die Agenda Austria plädiert dafür, die Gewerbeordnung für die meisten Handwerke radikal zu ändern und hält Meisterprüfungen teils für absurd. Was für die Prüfungen spricht und warum ein Innungsmeister dringend vor einer Abschaffung warnt.

Bei den Fotografen ist das freie Gewerbe längst Realität. Nun fordert der Think Thank Agenda Austria die Freigabe des Gewerbes auch für den Großteil der 80 weiteren Gewerbe in Österreich. Damit würden die Meisterprüfungen für diese noch regulierten Berufe wegfallen und Unternehmen wie Maler- oder Fliesenleger-Betriebe können ohne große Hürden eröffnet werden.

Meisterprüfung absurd?

Die Agenda Austria argumentiert damit, dass die Zulassungsregeln, um einen neuen Betrieb gründen zu können, viel zu streng wären und so der freie Wettbewerb und das Unternehmertum behindert würden. Ginge es nach dem Think Thank, dann sollten noch noch jene Gewerbe reglementiert werden, deren Ausübung potenziell Menschen, Tiere oder die Umwelt gefährden können.

Nur bei insgesamt 15 Gewerben, wie etwa Baumeister, Hersteller von Medizinprodukten oder Sprengungsunternehmer macht Agenda Austria eine derartige Gefährdung aus. Alle 65 anderen Gewerbe sollen demnach frei sein. Dass ein Schneiderbetrieb einen Meister braucht, findet die Agenda Austria absurd. Das gleiche gilt demnach für Mechaniker, Fliesenleger und zahlreiche andere Handwerke.

Geringere Qualifikation bei gleich hoher Qualität?

Dem kann Heinz Mitteregger, Bundesinnungsmeister der Fotografen, nichts abgewinnen. Der Beruf des Fotografen ist übrigens mittlerweile ein freies Gewerbe. Seit der Gewerbeöffnung Ende 2013 hat sich die Zahl der Fotografen in Österreich verdoppelt. Die Folgen: Die ganze Branche leidet darunter. Fotografen klagen über dramatisch fallende Honorare, Kunden über sinkende Qualität. Der Traumberuf vom Fotografen ist für viele ein täglicher Überlebenskampf geworden. (Lesen Sie dazu den Artikel: "Leben für den Augenblick - das harte Geschäft der Fotografie")

Mitteregger warnt vor den Konsequenzen. „Die Kunden erwarten wie etwa bei einem Fliesenleger hohe Qualität, doch ohne hohe Qualifikation kann man das nicht im selben Ausmaß wie bisher erwarten.“

Eklatante Wissenslücken bei Unternehmensneugründungen

Sorgen bereiten Mitteregger jedoch auch jene, die sich ohne fachliche und wirtschaftliche Vorbereitungen - wie sie für eine Meisterprüfung notwendig sind - ins Unternehmertum stürzen. „Die Leute melden ein freies Gewerbe an und wissen oft nicht worauf sie sich einlassen.“ So manchem, der ein Gewerbe anmeldet, wäre nicht einmal klar, dass er Steuern zahlen müsse. Wer keine Meisterprüfung ablege, habe oft keine Ahnung, welche Verpflichtungen durch die Anmeldung eines Gewerbes entstehen. Kenntnisse von Buchführung, Steuerrecht oder gar dem bürgerlichen Gesetzbuch würden nicht selten gänzlich fehlen.

Mitteregger verweist dabei auf die Erfahrungen, die er mit seinen neuen Berufskollegen machen musste, seit man als Fotograf keine Meisterprüfung mehr ablegen muss. Immer wieder käme es vor, dass jemand, der ein freies Gewerbe angemeldet hat, sich mit der Frage wie man denn nun an Kunden kommt an die Innung wendet. „Jeder der ein Auto fährt, muss einen Führerschein machen. Wer jedoch als Unternehmer persönlich viel aufs Spiel setzt, kann ohne Rücksicht auf Verluste darauf los wirtschaften“, ärgert sich Mitteregger.

Auch in der Ausbildung sei man seither limitiert. Früher konnten Fotografen-Lehrlinge, die nach dem Abschluss der Ausbildung dem Bachelor gleichgestellt sind, nach dem Bologna-System den Ausbildungslevel 6 erreichen. Nun da man keinen Meister mehr machen kann, ist Level 4 der höchste erreichbare Ausbildungsgrad. „Diese Vorgangsweise untergräbt das in Österreich viel gepriesene duale Ausbildungssystem. Das ist verantwortungslos“, setzt Mitteregger nach.

Als Konsequenz der geringeren Anforderungen in der Ausbildung verkämen Gewerbe wie das des Fotografen zu einem Nebengewerbe. Auch in anderen Berufen, wo kein Meistertitel mehr nötig sei, um ein Gewerbe anzumelden, gäbe es bereits bittere Konsequenzen. So beobachtet Mitteregger, dass Banken aufgrund des steigenden Risikos in diesen Branchen, bei der Vergabe von Krediten zurückhaltender agieren.

Scheitern ohne großes Aufsehen

Richtig sei zwar, wie die Agenda Austria argumentiert, dass es als Folge der Öffnung eines Gewerbes tatsächlich deutlich mehr Neugründungen gäbe. Doch wie viele der Gründer bald wieder scheitern, scheine mangels offener Insolvenzen - infolge mangels Masse - nicht auf. Mitteregger: „Fotografen investieren beispielsweise 10.000 bis 15.000 Euro in ihr technisches Equipment. Das müssen sie zunächst finanzieren und wenn sie scheitern wieder billig verkaufen.“ Der nächste Glücksritter lässt meist nicht lange auf sich warten.

Im Falle der Fotografie gibt es derzeit eine regelrechten Fotografenschwemme und einem enormen Preisverfall. Aber die Branche sei laut Mitteregger Druck gewöhnt. "Es geht nicht darum, Neues zu verhindern, sondern sinnvolle Änderungen einzuführen."

Mitteregger fordert daher, dass auch bei der Anmeldung eines freien Gewerbes, entsprechende wirtschaftliche, rechtliche und steuerrechtliche Kenntnisse vorgewiesen werden müssen. Den Kunden ist jedoch zu wünschen, dass selbst wenn es sich „nur“ um einen Installateur oder Fliesenleger handle, der Betrieb, dem diese einen Auftrag erteilen, auch von einem Meister geführt wird. In Deutschland, wo viele Gewerbe abgeschafft wurden, fordert nun die CDU/CSU aufgrund zahlreicher negativen Auswirkungen der Liberalisierung, zumindest eine teilweise Wiedereinführung der Reglementierung der liberalisierten Handwerke.

Schließlich ist in Deutschland auch der erwartete Boom an nachhaltigen Unternehmensneugründungen nach der Liberalisierung vieler Handwerke nicht eingetreten: Nach einem ersten Anstieg der Ein-Personen-Unternehmen (EPU) in Deutschland von 80.000 auf 230.000 sind fünf Jahre später mehr als die Hälfte der Unternehmen wieder vom Markt verschwunden. Damit verbunden ist, dass keine zusätzlichen Arbeitsplätze geschaffen wurden, denn EPUs sind nie über den Ein-Personen-.Status hinausgekommen und haben daher auch kein Personal eingestellt.

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