Zwischen Superreichen und sozialen Tragödien: Zerreißprobe für Europa

Zwischen Superreichen und sozialen Tragödien: Zerreißprobe für Europa

Was sich derzeit an den Märkten, in den Depots der Superreichen und den Haushalten der Superarmen abspielt, ist kaum zu fassen. Man muss sich gleich mehrmals die Augen reiben:

Die Börsen erleben seit dem Spanien-Tief im Juni 2012 eine sagenhafte Hausse. Schwere Indizes wie DAX und S&P 500 weisen aktuell Kursgewinne binnen drei Quartalen von 33 bzw. 24 Prozent aus. Den Vogel schießt dabei der japanische Nikkei ab, der dank der Billionen der Bank of Japan mittlerweile ein Kursplus von über 50 Prozent erreicht. Dementsprechend dürfen sich die Superreichen dieser Welt über sagenhafte Vermögenszuwächse freuen. Die Zahl der Milliardäre steigt weltweit praktisch täglich. 2013 könnte daher zum Jahr der größten Vermögenszuwächse bei Superreichen überhaupt werden.

Besonders tragisch sind in diesem Zusammenhang jedoch die Zustände an der Euro-Peripherie. Es gibt keinerlei Anzeichen der Besserung in den Euro-Problemstaaten Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Die Massenarbeitslosigkeit wird zum Dauerzustand, die extremen Sparauflagen treiben immer mehr Menschen von der Mittelschicht in die Armutsfalle, die Jugend ist ohne Perspektive. Tiefe Rezession ist in Südeuropa bitterer Alltag. Und: Die Peripherie breitet sich aus und droht bereits Frankreich zu erreichen.

Die Protestwahl in Italien war nun die erste Ohrfeige für die herrschende Klasse. Und sie wird weit lauter schallen als vielen Beschwichtigungspredigern lieb sein kann. Denn eine Regierungsbildung in Italien ist derzeit so wahrscheinlich wie eine Wahl von Kardinal Schönborn zum Papst. Auch rasche Neuwahlen werden das Bild nicht wesentlich verbessern. Der Protest-Komiker Beppe Grillo wird weiteren Zulauf erhalten, ebenso Don Silvio. Es ist daher zu befürchten, dass sich die – noch weitgehend friedlichen – Proteste in den Problemstaaten zunehmend radikalisieren. In Griechenland versinken ganze Stadtteile bereits in völliger Anarchie.

Damit steht der Euro vor der nächsten Zerreißprobe und es ist schon jetzt klar, wer das politische Versagen neuerlich kaschieren wird dürfen. Richtig, die EZB! Allerdings wird durch die Liquiditätsschwemme der Notenbanken – mit zugegeben hohem Fed-Dollar-Anteil – keines der strukturellen Grundprobleme der Eurozone gelöst. Es ist lediglich ein Herumdoktern an Symptomen, mit langfristig krisenverschlimmernden Auswirkungen. Denn das viele frische und billige Notenbankgeld ist schon völlig außer Kontrolle geraten und sucht sich statt realwirtschaftlicher Investitionen lieber finanzwirtschaftlich möglichst hoch rentable Anlagen. Das ist auch überaus logisch, denn Hauptnutznießer der Geldschwemme sind die Banken. Kreditnehmer oder Unternehmen haben kaum etwas von den Niedrigstzinsen.

Dieser Umstand manifestiert sich in ungesunden Kurssprüngen an den Börsen und Blasen auf Immobilienmärkten. Dagegen herrscht auf den privaten Kreditmärkten immer noch überaus trockenes Klima. Das Risk-Management der Banken trifft dabei vor allem private Konsumenten und KMU. Genau darin liegt aber die Perversion der aktuellen Situation, schließlich ist noch keine Bank an Kreditausfällen genau dieser Zielgruppe verstorben. Schieflagen von Banken sind immer eine Folge fehlgeleiteter Veranlagung oder Zahlungsausfällen von Großkunden.

Garniert wird dieses schauerliche makroökonomische Bild von reichlich naiven Prognosen der Politik. Jüngstes Beispiel: Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner geht 2014 von einem Wirtschaftswachstum in Österreich von zwei Prozent des BIP aus. Damit schlägt er die ohnehin optimistischen Erwartungen der EU-Kommission deutlich. Woher das Wachstum kommen soll, bleibt allerdings weiter rätselhaft. Es riecht nach verbaler Voodoo-Ökonomie, derartiges ist man aber in Wahljahren ohnehin gewohnt.

Wesentlich realistischere Töne kommen dagegen vom sehr treffsicheren Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Dessen Direktor Michael Landesmann meint rätselnd: "Es gibt wenig wirklich explizite Analysen, warum automatisch eine Aufwärtsbewegung 2014/15 erfolgen soll". Landesmann erwartet viel mehr ein verlorenes Jahrzehnt für Europa, mindestens ebenso pessimistisch ist er für das für Österreich so wichtige Osteuropa .

Diesem Szenario sollten sich Europas Politiker endlich stellen. Geldschwemme und Zentralismus sind keine Antwort auf Massenarbeitslosigkeit und eine außer Kontrolle geratene Finanzwirtschaft. Daran ändern auch populistische Boni- und Gehaltsschranken für Manager nichts.

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