Zweifel an den Armutszahlen

Zweifel an den Armutszahlen

Armutsgefährdeten muss auch weiter geholfen werden. Aber die Zahlen hochzurechnen, um die eigene politische Existenz zu rechtfertigen, ist ein Spiel mit dem Feuer.

Was tun Parteien, deren Geschäftsmodell auf dem Schüren von Armutsangst zu basieren scheint, wenn die Armut schrumpft? Sie erfinden neue Kennzahlen und berechnen die "alte“ Armut auf "neue“ Weise. Der Sozialbericht von Minister Hundstorfer erweckte kürzlich den Eindruck, die "manifeste Armut“ wäre gestiegen - dabei wurde sie nur neu berechnet.

Nach EU-weiten Kriterien gelten in Österreich seit Jahrzehnten 4 Prozent als "manifest arm“. Ein ernst zu nehmendes Problem. Aber 96 Prozent trifft dieses Schicksal nicht. SPÖ, Grüne oder Caritas suggerieren der Mittelschicht hingegen, die Armut wäre längst ein Massenphänomen. Und dass sich nur ein paar wenige bereichern würden. So präsentiert man sich als fairer und sozialer Retter. Riskiert jedoch, dass sich das Land politisch weiter aufheizt.

Neue Kennzahl I: Nationale Definition

Als "manifest arm“ gelten in der EU Armutsgefährdete, auf die noch mindestens weitere vier Kriterien zutreffen. Etwa, dass man sich kein Telefon, keine Waschmaschine oder keinen Fernseher leisten kann. Weil die Armenzahlen stetig sanken, erfand die Statistik Austria 2008 (u. a. mit Armutskonferenz und AK) eine neue Kennzahl: Nach "österreichischer Definition“ war man jetzt manifest arm, wenn schon ein oder zwei Kriterien zutrafen.

Zusätzlich wurden die Kriterien so abgeändert, dass sie mehr Leute betrafen. Der Nicht-Besitz von TV, Telefon und Waschmaschine wurde gestrichen, weil dies nur mehr wenige betroffen hatte. Stattdessen fragte man: "Können Sie unerwartete Ausgaben von 950 Euro spontan tätigen?“

Nach EU-Definition nicht Arme waren dies nach österreichischer Definition ab 2008 plötzlich schon, wenn sie nicht mindestens einmal im Monat Freunde zum Essen einladen konnten oder nicht jeden zweiten Tag Fleisch/Fisch/vegetarisch aßen.

Neue Kennzahl II: Nationale Ausgrenzung

Weiters erfand man einen Katalog von 17 Indikatoren, um "nationale Ausgrenzungs-Gefährdungsquoten“ zu ermitteln. Und die trafen plötzlich 16 Prozent aller Bürger, weil die …

• "… über 25 Prozent des Einkommens für Miete ausgaben“. Mit diesem Federstrich rutschten Hunderttausende Studenten und Junge in die Armutsgefährdung - ohne es zu ahnen.

• "… Bad oder WC am Gang hatten oder ein Raum dunkel oder schimmlig war“. Wem fiel bei der Befragung nicht ein dunkles Zimmer ein? Oder der Schimmel am WC?

• "… sich durch Kriminalität oder Lärm oder Umweltverschmutzung belästigt fühlten“. Das betrifft Unzählige, die an Durchzugsstraßen wie dem Gürtel leben.

"Neu designt“ explodierten die Zahlen manifest Armer von 355.000 (EU-Definition) über Nacht auf 511.000 (Ö-Definition). "Ausgrenzungsgefährdet“ sind jetzt sogar 1,4 Millionen! Obendrein verlängern die Studenten (durch ihre lange Ausbildung) nun die Armuts-Dauer - was dem Angst-Marketing neue Chancen eröffnet.

Österreich sollte zu den EU-weit gebräuchlichen Kriterien der Messung zurückkehren. Die Bevölkerung ist fair und sachlich zu informieren. Der ORF ist angehalten, nicht nur negative Detailergebnisse zu präsentieren.

Und es lohnt auch zu wissen, dass die Statistik Austria von Konrad Pesendorfer geleitet wird, dem Berater von Bundeskanzler Faymann (SPÖ).

Armut darf kein Schicksal sein. Egal, ob durch Scheidung, Sucht oder Einwanderung ausgelöst, Österreich muss sich betroffener Menschen auch weiterhin annehmen. Die Armut aber hochzurechnen, um die eigne Existenz zu rechtfertigen, ist ein Spiel mit dem Feuer. Und jene, die mit übertriebenen Armuts-zahlen Ängste schüren, stellen sich auf die gleiche Ebene wie jene, die dies mit übertriebenen Fremdenzahlen tun.

- Michael Hörl. Der Wirtschaftspädagoge und Betriebswirt ist Wirtschaftspublizist aus Salzburg. Sein aktuelles Buch "Die Gemeinwohl-Falle“ beschäftigt sich kritisch mit der Armutsdiskussion.

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