Zurück im Zockerparadies

Zurück im Zockerparadies

Die Deutsche Bank will sich ganz dem Investmentbanking verschreiben. Große US-Banken sollen als Vorbild dienen. Kann das gut gehen?

Die demokratische US-Senatorin Elizabeth Warren und Jamie Dimon, CEO der Investmentbank JPMorgan Chase, werden wohl keine Freunde mehr. In ihrem Buch "The Fighting Chance“ über die Regulierung der Wall Street berichtet die Senatorin von einem Gespräch mit dem Banker, in dem sie ihm mangelnde Gesetzestreue vorwarf. Dimons Reaktion darauf: "Dann belegen Sie uns doch mit einer Geldbuße. Wir können es uns leisten.“ Wie Warren darauf reagiert hat, ist nicht überliefert, aber man könnte sich vorstellen, dass ihr zumindest für einige Zeit der Mund offen blieb.

Und Dimon sollte tatsächlich Recht behalten. Hatte es einige Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise so ausgesehen, als wäre das Ende der Investmentbanken besiegelt, als käme das Milliarden-Geldkarussell endgültig zum Stillstand, so kann man nun wohl mit Fug und Recht von einem Comeback der Investmentbanken sprechen. Goldman Sachs präsentierte kürzlich erst ein Sensationsquartal mit 2,8 Milliarden Euro Gewinn, die Prognosen für den Jahresgewinn mussten auf 10,6 Milliarden Dollar nach oben korrigiert werden. Ähnlich erging es Dimons Institut: Das Nettoergebnis kletterte um zwölf Prozent auf 5,91 Milliarden Dollar. Zwar musste man bei JPMorgan für Rechtsstreitigkeiten erneut stattliche 490 Millionen Dollar zurückstellen. Aber mal ehrlich: Was bitte sind 490 Millionen Dollar in Relation zu einem Quartalsgewinn von 5,91 Milliarden Dollar? Portokassa, bestenfalls.

Insgesamt sollen alle Banken weltweit, vornehmlich jedoch die US-Banken, seit Ausbruch der Finanzkrise 178 Milliarden Dollar an Geldbußen berappt haben. In der Branche werden sie mittlerweile als übliche Betriebskosten gewertet. Business as usual also.

Wir erinnern uns zurück: Nach der Lehman-Pleite vor nunmehr fast sieben Jahren gab es weltweit einen Aufschrei, man müsse den Banken, vor allem den großen Investmentbanken das Handwerk legen. Nie mehr wieder solle ein Steuerzahler für die Zockereien gieriger Banker zur Kasse gebeten werden.Von Zerschlagung der Großbanken - Too-big-to-fail-Problematik - bis hin zur Eindämmung von Boni-Exzessen wurde alles an Maßnahmen aus der Schublade geholt, was gut klingt und den bösen Banken und Bankern Schaden zufügen könnte.

In den USA präsentiert sich die Post-Krisen-Situation im Finanzsektor nun tatsächlich so: Hunderte kleine vor allem Retail-Banken sind vom Markt verschwunden. Die fünf größten US-Banken - darunter natürlich auch JPMorgan - halten mit rund 6,8 Billionen Dollar Aktiva rund 44 Prozent des gesamten amerikanischen Bankensektors. Von Aufspaltung also keine Rede. Zum Vergleich: Im Jahr 1990 lag der Anteil der Top-fünf- Banken noch bei zehn Prozent. Ach ja, und Jamie Dimon musste zwar Abstriche bei seinem Millionen-Salär machen, 2014 bekam er aber inklusive Boni noch immer 20 Millionen Dollar auf sein Konto. Das kann sich schon sehen lassen.

In Europa, wo das Investmentbanking nie so eine dominante Rolle gespielt hat, blickt man nun neidisch Richtung USA: Die Deutsche Bank plant die Abspaltung des Privatkundengeschäfts, um sich noch stärker auf das boomende Investmentbanking konzentrieren zu können, und auch bei der Credit Suisse wird eine ursprünglich beschlossene Reduzierung des Investmentgeschäfts angesichts der steigenden Erträge wieder in Frage gestellt.

Welche Schlüsse lassen sich nun aus diesen Entwicklungen ableiten? Man kann sicher nicht behaupten, dass sich die Regulatoren mit neuen Vorschriften für die Banken zurückgehalten haben. Das Sterben der Retailbanken und das Aufleben der Investmentbanken legt jedoch den Schluss nahe, dass die Regularien zwischen den beiden Bereichen nicht gerecht verteilt wurden. Das deutlich riskantere Investmentbanking scheint - jedenfalls bislang - die Aufsichtskosten viel besser wegstecken zu können als das Retailbanking. In Österreich haben sich die Großbanken weitgehend gegen das Investmentbanking und für das renditeschwächere und stark reduzierte Filialgeschäft - Stichwort: Rückkehr zur traditionellen Hausbank - entschieden. Gewinne wie in den USA wird man hierzulande wohl so bald nicht sehen. Ob das angloamerikanische oder das europäische Modell längerfristig das bessere ist, wird sich spätestens dann zeigen, wenn die nächste Großbank ins Wanken gerät. Die Messlatte wird sein, ob es gelingt, den Steuerzahler für die Rettung der Bank außen vor zu lassen. Dass das bei allen US-Banken gelingt, daran hat nicht nur Senatorin Warren ihre Zweifel.

Artikel aus FORMAT Nr. 17/2015
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