Zurück zum Europa der Vaterländer?

Wie immer im Hochsommer war Paris auch heuer eine ausgestorbene Stadt. Nicht einmal in den Banlieues rumorte es. Die Franzosen waren an den kühlen Stränden der Normandie oder der Bretagne zum Austernschlürfen. So konnten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy ungestört verhandeln.

Das politische Outcoming nennt sich „Europäische Wirtschaftsregierung“ und soll bekanntlich darauf hinauslaufen, dass Deutschland und Frankreich die Macht in der Euro-Zone legal übernehmen und die 15 anderen Euro-Länder ihre Budgethoheit abgeben.

Nun mag es hundertmal theoretisch richtig sein, vor dem brennenden Weltwirtschaftshorizont die ahnungslosen Bürger Europas zu entmachten: In der Praxis würde man aber nur neue Hierarchien von Ökonomen und Bürokraten, Spekulanten und Oligarchen schaffen. Worauf das hinausläuft, hat schon vor 130 Jahren Otto von Bismarck für die preußischen Untertanen klargestellt: „Steuern zahlen, Soldat sein, Maul halten!“ Weshalb der Spaß schon damals antihistorisch war.

Wie können sich daher kampferprobte Zelebritäten wie Merkel und Sarkozy heute noch in den Kopf setzen, Parteien, Gewerkschaften, Medien herauszufordern?

Europäer sind eben mühsam

Nun gab schon im Mittelalter Karl der Große den Versuch auf, die Franken, Romanen, Kelten, Germanen und Früh-Slawen unter einen gemeinsamen Helm zu zwingen: Europäer sind eben mühsam. Weiters gescheitert: Maximilian der letzte Ritter, der sich (als Witwer) allen Ernstes zur Kaiserkrone auch die Papstkrone aufsetzen wollte. Statt dass er in einen Zentralstaat mündete, zerbröselte die Reformation den christlichen Kontinent in mehrere Konfessionen.

Wahrscheinlich hätte auch Ludwig XIV. gerne von Versailles aus ganz Europa zentralisiert. Aber das mochten die bösen Habsburger nicht. Napoleon wiederum wollte hundert Jahre später über die Währung Zentralpolitik betreiben: Die Einführung des Franc brachte dem Kontinent das Dezimalsystem, die „Banque de France“ orientierte sich nach dem Goldstandard, und immerhin gab es bis in die neuere Zeit eine „Lateinische Münzunion“. Aber die Europäer ließen sich darauf nicht ein. So wurde auch nichts aus einer Schaltzentrale an der Seine, deren Einfluss bis zum Ural gereicht hätte.

Ein verdünnter Versuch war etwas später das Commonwealth der Briten. Es versagte als politische Zwangsgemeinschaft, bewährte sich aber als lockere Pflegestätte für die Freunde des British way of life.

Irrweg Zentralismus

Dass schließlich der Zentralismus ein Irrweg war, bewies sich zuletzt an der Habsburgermonarchie. Wäre sie ein österreichisches Commonwealth geworden – und hätte man eine Ausgleichs- statt einer Oktroyierungspolitik betrieben –, die Sache wäre wahrscheinlich nicht so banal zu Ende gegangen.

1914 erhielten ja die führenden Repräsentanten der Nationalitäten (später „Nationalräte“) ihre Weisungen nicht mehr von Wien (oder Budapest), sondern die Slawen aus Petersburg, die Triestiner aus Rom, die Bosnier aus Belgrad – und die österreichischen Deutschnationalen aus Berlin …

Europa ist kein Wirtschaftsverein

Fazit: Eine zentralistische EU wird nicht überleben, und der Wert des Euro ist durch eine „Wirtschaftsregierung“ von zwei großen Ländern auch nicht zu retten. Viel wichtiger wäre die Rückkehr zu den Wurzeln Europas vom Ende des Zweiten Weltkriegs, als ein gewisser Charles de Gaule das „Europa der Vaterländer“ ausrief. Nicht eine „Europäische USA“ wollten auch die Adenauers, Degasperis, Monets, auch Churchills und viele andere schaffen, sondern eine funktionierende Friedensgemeinschaft. Denn den meisten Europäern war mittlerweile klar geworden, dass dieser Kontinent nicht primär ein Wirtschaftsverein sein sollte, sondern eine Friedensgemeinschaft. Tausend Jahre permanenter Kriege, Schlachten, Klassen- und Glaubenskämpfe waren genug.

Und es gelang. Schon seit drei Generationen gibt es in EU-Europa (fast) keine militärischen Aktionen mehr. Welche Gnade auch für das kleine Österreich.

Unsere Neurosen und Phobien

Darum sei eine Frage als Postskriptum erlaubt: Geben wir Europäer nicht ein bisschen viel für Neurosen und Phobien aus, die in Wahrheit Fiktionen und Fantasien sind? Gemeint sind die Militärausgaben in der Europäischen Union. Sind die 2,3 Prozent des BIP in Frankreich nicht ein bisschen viel? Oder: Gegen wen rüstet Portugal, das 38.000 Mann einsatzbereit hält? Vielleicht auch können die Griechen ihren 2,8-Prozent-Anteil am BIP überprüfen. Zum Vergleich: Österreich liegt in der vergleichbaren Statistik bei nur 0,8 Prozent seines BIP.

Und deshalb würde wohl auch mit Sicherheit die Durchforstung des Rüstungsbudgets ein beachtliches Körberlgeld für Europaprojekte einbringen. Und kein bedrohliches Fass ohne Boden sein.

- Hans Magenschab
Historiker und Journalist

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