Zur Misswirtschaft auf den "MedUnis"

In der Hochblüte der schwarz-blauen Ära gelang mit dem Universitätsgesetz 2002 der große „Durchbruch“ – die medizinischen Fakultäten wurden selbständig und führen als medizinische Universitäten (MedUnis) seither vor, wie autonome Universitätspolitik und Hochschulmanagement tunlichst nicht erfolgen sollten.

Zur Misswirtschaft auf den "MedUnis"

Die Ausgliederung der MedUnis aus den Stammuniversitäten in Wien, Graz und Innsbruck hatte zunächst mit dem vorhersehbaren Problem zu kämpfen, dass gut entwickelte administrative Strukturen fehlten. Funktionierende Verwaltungseinheiten und gut (ein)geschultes Personal verblieben regelmäßig an den Stammuniversitäten. Die seither verstrichenen Jahre konnten nicht genutzt werden, um die üblichen Standards von Good Governance und Compliance zu implementieren. Die Entwicklung neuer, „eigener“ Strukturen an den MedUnis eröffnete viele Spielwiesen für alle Arten von Misswirtschaft, „informellen Sitzungen“ von Leitungsorganen und Freunderlwirtschaft. Statt sich voll und ganz der Forschung, Lehre und Krankenversorgung zu widmen, durften sich interessierte ÄrztInnen der Universitäten ab sofort auch in Management und Politik probieren.

Es gibt kaum einen Berufsstand mit so viel Macht, (Steuer-)Geld und Einfluss wie die leitend tätige Ärzteschaft an Universitäten – wohl weil es sich beim Diagnostizieren und Behandeln von Kranken oft um einen Kampf ums Leben und Überleben handelt und das Ausgeliefertsein der Patienten unbegrenzt erscheinende Möglichkeiten eröffnet: Wo Macht und Geld ist, da lauern Versuchungen. Solange die MedUnis in die Stammuniversitäten eingegliedert waren, waren der Machtausübung der Angehörigen der vormaligen medizinischen Fakultäten Grenzen gesetzt. Seit der Ausgliederung meinen viele, freie Hand zu haben, und verkennen, dass die allgemeinen Sitten und Gesetze auch an MedUnis gelten. Unrechtsbewusstsein scheint vielen ein Fremdwort zu sein.

Mit der Angst vor Krankheit und medizinischer Unterversorgung lässt sich das Klavier der Begehrlichkeiten gut bespielen und der Klingelbeutel der MedUnis zulasten anderer Universitäten übermäßig füllen. Die angebliche „Unterfinanzierung“ der Med-Unis ist ein billiges und griffiges populistisches Schlagwort, um von hausgemachten Problemen abzulenken. Wozu die Grundsätze der Unternehmensführung beherrschen und beachten, wenn es anders auch geht? Vor dem Hintergrund, dass keine „normale“ Uni in Österreich so fette Budgets auf Kosten der Steuerzahler zugeteilt erhält wie eine MedUni, ist das mehr als bedenklich.

Rektorate an MedUnis sind klar kodiert. Rekrutiert wird vor allem aus den eigenen Reihen oder anderen MedUnis im In- und Ausland. Fachärzte führen also das Zepter der „MedUni-Unternehmungen“. Im Universitätsrat (Aufsichtsrat-ähnliche Gremien) sitzen freundliche Honoratioren und befreundete/verfeindete Stakeholder anderer Unis.

Das ist in einem kleinen Land vielleicht unvermeidbar, öffnet aber Tür und Tor für „med-universitäre“ Partikularinteressen, wenn es an funktionierenden Verwaltungsstrukturen und klaren, strikt überwachten Compliance-Vorgaben fehlt. Interessenkollisionen sind kein Hinderungsgrund für die „Amtsausübung“, unternehmerische Befähigung keine Voraussetzung. Sind solche Führungsetagen an öffentlichen (Bildungs- und Krankenversorgungs-)Institutionen dem Steuerzahler noch zuzumuten? Wie lange will die Politik da noch zuschauen? Wie viele Budgetmittel dürfen für derlei „Expertentum“ noch verwendet werden?

Sollten Politiker bei ihren Fusionsplänen von MedUnis und Stammuniversitäten als zentrales Motiv haben, bedenklichen Praktiken nicht länger zusehen zu wollen, dann hätte das eine Berechtigung. Es ist aber zu hoffen, dass bei den Politikern weitere Gründe wie die Abschaffung geldvernichtender Doppelstrukturen eine Rolle spielen. Angedeutet wurde dies bereits öffentlich: Zwei Rektorate, zwei Universitätsräte, zwei Gremien für dies, zwei für das. Da kann man doch viel einsparen – in der Tat! Vor allem ist an die Führungsqualität des Leitungspersonals zu denken. Diese hält sich in bescheidenen Grenzen. Dabei kracht es im Gebälk, wohin man schaut. Was „funktioniert“, sind Schulterklopfen und stundenlange ineffektive Sitzungen, formelle und informelle. Soweit universitäre Gremien Widerstand gegen eine Fusion leisten, ist klar, worum es geht: herumwursteln, Befangenheiten wegdiskutieren, teures Gremien(un)wesen weiter bedienen und mangelhafte Befähigung anstelle sonst üblicher Standards von Public Management und Compliance zulassen. Autonomie hin oder her, die Ärzteschaft an den Unis sollte bei ihrem Leisten bleiben.

In Linz ist eine neue Medizin-Fakultät in Planung. Den anderen Standorten ist zu wünschen, dass das gescheiterte Modell MedUni nicht unverändert weiter betrieben wird, sondern neue Strukturen aufgesetzt werden. Der medizinischen Forschung, Lehre und Krankenversorgung in Österreich würde das zum Vorteil gereichen! Es ist auch höchst an der Zeit, universitäre Kontroll-, Steuerungs- und Leitungsgremien wie Universitätsräte und Rektorate mit erfahrenen wirtschafts- und rechtskundigen Fachleuten zu besetzen statt (mehrheitlich) mit „Medizinmännern/ -frauen“. Die vielfältigen, auch wirtschaftlichen Probleme an den MedUnis sind in diesem Licht zu würdigen. Wer wagt aber schon Kritik zu üben, wenn es um die Götter in Weiß geht?

Von Selbstreinigungskräften an autonomen MedUnis soll sich keiner viel erwarten. Wie in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Sektors besteht dringender Handlungsbedarf des Gesetzgebers. Aufräumarbeiten, externe Einmischung und strukturelle Erneuerung des Leitungs- und Kontrollpersonals sind gefragt. Niemand möge glauben, dass eine solche Botschaft an den Med-Unis verstanden wird, wenn nicht gleichzeitig strikte Budgetvorgaben eingehalten werden müssen.

- Richard Soyer
Der Strafverteidiger von Dietrich Birnbacher war von Mai 2008 bis
Februar 2012 Universitätsrat der MedUni Innsbruck.