Wolfgang Mazal über Vereinbarkeit von Familie und Beruf: 'Wir sind alle gefordert'

Es ist kaufmännische Vernunft, die Betriebe familienfreundlicher zu gestalten.

Familien mit betreuungspflichtigen Kleinkindern sind erfahrungsgemäß Spannungen ausgesetzt, die aus dem „Spagat“ zwischen Familienarbeit und Erwerbsarbeit resultieren. Auch wenn die Vereinbarkeit von Familie und Erwerb von manchen Fachleuten als Ding der Unmöglichkeit gesehen wird – und in diesem Zusammenhang von einer Vereinbarkeitslüge gesprochen wird –, kommt der Vereinbarkeitsfrage zu Recht höchste Priorität zu. Die Wirtschaft braucht Arbeitskräfte, Erwerbsarbeit sichert gegen individuelle Armut und gewährleistet soziale Einbindung, vor allem aber: Die Menschen selbst sehen sich in ihrer persönlichen Lebensplanung sowohl als familien- als auch erwerbsorientiert.

In den letzten Jahren wurden – leider viel zu wenig anerkannt – enorme politische und finanzielle Anstrengungen unternommen, Vereinbarkeit zu ermöglichen: Kinderbetreuungsgeld kann – im Unterschied zur früheren Karenzgeldregelung – auch neben einer substanziellen Erwerbstätigkeit bezogen werden; ein Rechtsanspruch auf Teilzeit und Kündigungsschutz in unterschiedlichen Spielarten bis zum 7. Lebensjahr des Kindes gewährleistet hohe Arbeitsplatzsicherheit; in Kindergartenausbauprogramme sowie Programme zur Betreuung von Kindern unter drei Jahren wurden stolze Summen investiert.

Und dennoch wird allenthalben Unzufriedenheit mit der Situation artikuliert: Weil das Barcelona-Ziel eines noch weitergehenden Ausbaus an Betreuungseinrichtungen nicht erreicht ist; weil die Teilzeitregelung zu inflexibel ist und Unternehmen belastet; und weil … es immer Gründe gibt, ein Glas eher als halb leer denn als beinahe voll zu bezeichnen.

Mit Infrastruktur allein ist es nicht getan

Tatsache ist allerdings, dass die weitaus überwiegende Zahl der Menschen derzeit eine Betreuung von Kindern unter drei Jahren außerhalb der Familie nicht wünscht und Politik daher schlecht beraten wäre, wenn sie an den Wünschen der Menschen vorbei Geld ausgeben würde, um ein europaweites Ziel sofort umzusetzen. Insofern ist es kein Versäumnis der Politik, wenn sie in den nächsten Jahren kontinuierlich in den weiteren Ausbau der Betreuungseinrichtungen investieren will: Kluge Politik entwickelt die Investitionen entlang der Entwicklung der Bewusstseinslage der Bürger und setzt ihnen nicht heute schon Infrastruktur vor, die erst in Zukunft benötigt wird.

Tatsache ist aber auch, dass mit Infrastruktur allein die Vereinbarkeit von Familie und Erwerb noch nicht gewährleistet ist: Mit den Worten des aktuell in Österreich maßgeblichen Regierungsübereinkommens ist anzumerken, dass „die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur jede/n Einzelne/n betrifft, sondern auch eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Herausforderung und Aufgabe ist“. Und, nach einer Betonung, dass das Wohl des Kindes dabei im Vordergrund stehen müsse, als Ziel der Regierungspolitik formuliert wird, „ein familien- und kinderfreundliches Arbeitsumfeld zu schaffen und den Familien Gestaltungsmöglichkeiten zu gewährleisten“.

Vereinbarkeit ist Herausforderung an die Wirtschaft

Hier liegt für mich ein überaus wichtiger Ansatz zur Weiterentwicklung der Vereinbarkeitsdebatte: Auf den bisherigen Maßnahmen aufbauend, sind letztlich wir alle gefordert, die Vereinbarkeit unter einem breiten Blickwinkel zu sehen und als wirtschaftspolitische und gesellschaftspolitische Herausforderung zu begreifen. Vereinbarkeit kann sich nicht darin erschöpfen, die Familiensituation so zu gestalten, dass die Lebenswirklichkeit der Familien Erfordernissen der Wirtschaft entspricht, sondern muss auch als Herausforderung an die Wirtschaft und andere Lebensbereiche gesehen werden, sich auf die Anforderungen der Familien einzustellen. Hier ist vor allem in der Arbeitswelt viel zu tun.

Überfällig sind etwa die Vermeidung überlanger Arbeitszeiten und die Vermeidung von wichtigen Sitzungen am späteren Nachmittag, Schaffung qualifizierter Teilzeitarbeitsplätze, eine Urlaubskultur, die auf Konsumation und nicht auf Horten ausgerichtet ist, die Einrichtung qualifizierter Telearbeitsplätze, die unternehmensinterne Akzeptanz von Vätern, die sich der Kinderbetreuung widmen.

Besonders erfreulich dabei ist, dass eine familienfreundliche Arbeitsumwelt nicht nur den Familien hilft, sondern auch betriebswirtschaftlich vorteilhaft ist. Aktuelle Studien zeigen, unter welchen Bedingungen Unternehmen aus familienfreundlichen Arbeitsbedingungen, insbesondere auch aus qualifizierter Teilzeitbeschäftigung Vorteile haben: Vermeidung teurer Überstunden, Sicherung kontinuierlicher Verfügbarkeit von Know-how, klare Produktivitätssteigerung, Reduktion von Fehlzeiten usw.

Fordern wir nicht immer mehr Geld vom Staat: Es ist eine Frage der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen für Familien und ein Gebot der kaufmännischen Vernunft, die Betriebe familienfreundlich zu gestalten.

Wolfgang Mazal
Sozialrechtler, Uni Wien

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