Wo woar sei Leistung?

Wo woar sei Leistung?

Die Lehrergewerkschaft jubelt. Die ÖVP freut sich diebisch über die Niederlage der roten Unterrichtsministerin. Und sogar in deren eigener Partei, der SPÖ, nennt der Bildungssprecher, ein Herr namens Elmar Mayer, die erzwungene Verschiebung der Zentralmatura eine "Sternstunde“. Gemeint sein kann damit nur eine Sternstunde für die Blockierer.

Der Triumph sei allen Gegnern von Claudia Schmied gegönnt. Es gibt ja sonst im Moment wenig Vergnügliches auf dem politischen Parkett. Aber natürlich ist diese Niederlage der Ministerin nichts anderes als wieder eine Bankrotterklärung des österreichischen Bildungssystems.

Mag sein, dass die Zentralmatura ungenügend vorbereitet war und ein Jahr lang Nachsitzen notwendig ist. In Wahrheit liegen die Ursachen der Auseinandersetzung aber im Grundsätzlichen: in der ausgeprägten Veränderungsunwilligkeit des Systems und in den Berührungsängsten, die der Bildungsbetrieb mit dem Begriff Leistung sowie deren Beurteilung hat. Nicht nur in Bezug auf die Schüler, sondern auch und vor allem, was die Leistung der Lehrer betrifft. Sobald irgendeine Form von Objektivierbarkeit bzw. Messbarkeit der pädagogischen Arbeit droht, macht die Gewerkschaft sofort die Luken dicht.

Die Zentralmatura legt die individuelle Qualität eines Lehrers viel deutlicher offen: Warum fallen in einer Klasse 30 Prozent durch, in der Parallelklasse sind es aber nur fünf Prozent? Genauso würden die Unterschiede zwischen Schulen plötzlich amtlich. Die engagierten, selbstbewussten Pädagogen sehen darin kein Schreckensszenario. Für den schlechten Lehrer ist das der Alptraum; weshalb seine Gewerkschaft ihre ganze Macht einsetzt, damit er ruhig schlafen kann.

Unsinnige Kritik

Ob es jetzt Zentralmatura oder sonstwie heißt: Es fehlen verbindliche Standards, die eine Leistungsbewertung von Lehrern und Schulen ermöglichen. Diese zu verhindern ist das Ziel. Die Lehrervertretung drückt ja ganz unverhohlen ihre Hoffnung aus, dass auch 2015 bzw. 2016 keine Zentralmatura kommt. Die Diskussion über die Formulierung einheitlicher Bildungsstandards lief ganz ähnlich: Keinesfalls sollen sie für Rückschlüsse auf die Arbeit einer Schule oder gar eines einzelnen Lehrers herangezogen werden.

Die Kritik der ÖVP, ein für alle einheitlicher Prüfungsmodus drücke das Niveau nach unten, bleibt rätselhaft. Denn das hängt wohl einzig und allein davon ab, wie die Kriterien festgelegt werden. Noch unsinniger ist der ebenfalls aufgetauchte Einwand, die Zentralmatura animiere zum Auswendiglernen, weil der höhere Druck weniger Zeit zum Verstehen lasse. Klarerweise ist das Gegenteil der Fall: Wenn ein Lehrer seine Schüler nicht gezielt auf von ihm ausgewählte Inhalte trimmen kann, muss er notgedrungen mehr auf das Verständnis für den Lehrstoff setzen.

Internationale Vorbilder sind vorhanden: Frankreich, das sehr hohe Ansprüche an seine Maturanten stellt, hat ebenso eine zentralisierte Prüfung wie zum Beispiel Bayern, das in der Pisa-Studie durchwegs mit sehr guten Werten glänzt.

In Österreich geht zwar die ÖVP als Schutzmacht der Leistungswilligen hausieren, lässt sich aber in Bildungsfragen von der ihr nahe stehenden Lehrergewerkschaft in Geiselhaft nehmen. Und bei der SPÖ steht der Leistungsbegriff sowieso nicht sehr weit oben auf der Agenda. Die Veränderungsunfähigkeit der Politik ist erschreckend: Seit rund fünf Jahren wird an der Zentralmatura herumgebastelt - um jetzt festzustellen, dass man schlecht vorbereitet ist.

Laientheater Matura

Wenn Schüler und Eltern auf diese Verunsicherung mit Ablehnung reagieren, ist das nicht verwunderlich. Auch nicht verwunderlich - allerdings bedenklicher - ist, dass natürlich auch in diesen Gruppen der Leistungsgedanke nicht bei allen oberste Priorität hat. Der renommierte Bildungsexperte Andreas Salcher formuliert schonungslos: "Vielfach ist die Matura bei uns ein großes Laientheater, wo nur gezielt gepauktes Wissen kurzfristig abgerufen wird. Wie viel der Schüler wirklich verstanden hat, wollen wir nicht so genau wissen.“ Motto: Hauptsache, das Kind kommt durch! Eine über die Verschiebung des Plans von Ministerin Schmied erfreute Schülerin wurde in der "Presse“ mit den Worten zitiert: "Jetzt wird sicher alles unstressiger.“

Damit darf sich Bildungspolitik einfach nicht zufrieden geben. Die Mängel des Schulsystems und die dort vermittelte Einstellung zu Leistung beeinflussen in der Folge das Niveau an den Universitäten genauso wie die Qualität der Arbeit im Job. Eine hoch entwickelte Volkswirtschaft wie Österreich kann ihren Wohlstand nur mit topqualifizierten Leuten absichern. Dazu braucht es schon in der Schule verbindliche Standards - und wenigstens den Anspruch, diese nicht nur in Renommier-Anstalten, sondern auch in Gymnasien mit einem höheren Schüleranteil aus "bildungsfernen Schichten“ zu erreichen.

In der künftigen Lehrer-Besoldung sollte ein Bonus-System eingeführt werden: ein variabler Gehaltsbestandteil, der davon abhängt, wie gut ein Lehrer sich diesem Ziel nähert.

- Andreas Lampl

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