„Wir wollen den Erwin sehen, wir wollen den Erwin …

„Die verdeckte Botschaft des Wahlabends: Die ÖVP geht ohne echten Kanzlerkandidaten in die Nationalratswahl.“

Oh du heiliger Hippolyt, so was hat das brave St. Pölten noch nicht erlebt. „Wir wollen den Erwin sehen, wir wollen den Eerwin seehen, wir wolll-en den Eeer-win seee-hen“, skandiert die enthusiasmierte Menge im Festzelt ohne Unterlass. Eine Atmosphäre wie bei der Darts-WM in London, dem besten Bierzeltevent der Welt.

Es wäre nicht die ÖVP, zöge sie aus dem persönlichen Triumph des Fürsten nicht gleich ein paar falsche Schlüsse. „2013 wird das Jahr der ÖVP“, orakelte Parteichef Michael Spindelegger schon nach dem Heeresplebiszit, das auch maßgeblich Pröll gewonnen hatte. „2013 wird das Jahr der ÖVP“, jubelt gleichermaßen Finanzministerin Maria Fekter nach Sonntag. Es seien den Schwarzen im Bund ein paar Feiertage gegönnt. Doch richtiger wird eine falsche Analyse auch dann nicht, wenn man sie oft wiederholt.

Trugschluss eins: Rückenwind für die Nationalratswahl im Herbst. Bekanntlich ist in der Politik nichts älter als der Sieg von gestern. Rückenwind kann rasch zum Gegenwind werden: wenn im Mai in Salzburg die nah am Wasser gebaute SP-Landeschefin Gabi Burgstaller trotz Spekulationsaffäre die Mehrheit behält – wonach es derzeit paradoxerweise aussieht. Die SPÖ hielte dann fünf Landeshauptleute, so viele wie nie.

Wenn sich aber VP-Mann Wilfried Haslauer mithilfe der dortigen FPÖ zum Landeshauptmann küren lässt, braut sich über dem Parteichef in Wien ein kräftiger Sturm zusammen. Und in Tirol herrscht bestenfalls Flaute. Dass Günther Platter einen Triumph à la Pröll zustande bringt, ist auszuschließen. Und zwar absolut. Er muss um den Vierer vorn raufen.

Das bedeutet, dass das „Jahr der ÖVP“ mit hoher Wahrscheinlichkeit Anfang Mai auch schon wieder zu Ende ist.

Das führt zum schwarzen Trugschluss zwei: dass Erwin Pröll den Schwarzen auch noch die Nationalratswahl gewinnt. Sicher, die niederösterreichischen Funktionäre werden auch im Herbst marschieren. Aber bei Nationalratswahlen liegt die Bundes-VP in NÖ traditionell unter den Ergebnissen bei Landtagswahlen. Vergleicht man die NR-Wahl 2008 mit Sonntag, sind das fast 20 Prozentpunkte. Den Erwin-Faktor wird Spindelegger nicht generieren können.

Trugschluss drei: Der jetzige „Kanzlerkandidat“ der ÖVP, der anständige, doch visionsfreie Sacharbeiter, sei vielleicht doch irgendwie ein Winnertyp. Im Siegestaumel am Wahlabend produzieren die Bürgerlichen ein Bild, das haften bleibt. Vergleichbar mit Alfred Gusenbauers legendärem Sager vom „üblichen Gesudere“ in eine TV-Kamera.

Pröll also thront in einem Fauteuil in seinem Büro in der ganzen ihm möglichen Machtfülle. Wartet auf Ergebnisse. Rundherum Frau Pröll und engstes Team. An der Seite, auf einem Bankerl, eingequetscht zwischen Landesfunktionären: Michael Spindelegger, schmalschultrig, schief vorgebeugt.

So eine Randfigur will ab Herbst Österreich regieren? Als Kanzler? Ein Alphatier weiß um die fatale Symbolik solcher Bilder. Auch das hätte man sich von EP abschauen können. Dessen Wahlkampf war eine Flut subkutaner Botschaften: der Brückenbauer, der Regent, der Volksnahe, ein Leader eben.

Das heißt im Umkehrschluss wohl: Die ÖVP geht eigentlich ohne echten Kanzlerkandidaten in die Nationalratswahl 2013. Kann sich eine Volkspartei das leisten? Auch inhaltlich wird sich am verwaschenen Profil der Konservativen nicht viel ändern, das teils verbrauchte Regierungspersonal wird die Kastanien ebenfalls nicht aus dem Feuer holen – in der Zuspitzung um den Kanzler zählt nur die Frontfigur.

Womit wir bei Trugschluss vier sind: dass die ÖVP im Herbst so aufgestellt als Nummer eins durchs Ziel geht. Woher sollen bei diesem Angebot Stimmenzuwächse kommen? Noch dazu bei einem derart brutalen Verteilungskampf unter sechs Bewerbern.

Machtpolitiker Faymann wirft gerade die Maschine an, beseitigt Schwachstellen. „Werner beinhart“ ist gewillt, seinen – geringen – Kanzlerbonus gegen die ÖVP auszuspielen. Die populäreren Themen hat er.

Daraus resultiert Trugschluss fünf: dass mit Kärnten und Niederösterreich „das politische System der großen Koalition stabilisiert“ sei. Man soll sich nur nicht täuschen. In beiden Ländern führten extreme Sonderfälle zu diesen Ergebnissen. Im Bund liegt das Protestpotenzial bei einem Drittel, Tendenz: steigend. Nur wie sich die Proteststimmen aufteilen, ist neu. H.-C. Strache hat dank Frank Stronach kein Monopol mehr. Das heißt freilich noch lange nicht, dass SPÖ und ÖVP im Herbst die 50-Prozent-Marke schaffen.

An Niederösterreich in den Iden des März wird sich dann übrigens niemand mehr erinnern.

- Andreas Weber

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