Wir basteln einen Bilanzskandal: Exklusive Anleitung, wie Sie zum Medienstar werden

Das Leben ist ungerecht, und die Journaille ist es auch. Da haben Sie jahrzehntelang anständig und mit viel Fleiß Ihr florierendes Unternehmen aufgebaut, und jetzt das: kein Reporter, der Sie anruft, kein Sender, der ein Kamerateam vorbeischicken würde. Sie werden ignoriert.

Schlagzeilen und Breaking News gibt’s derzeit nur für die Finanzmarktkrise: Milliardenpleiten, Staatszuschüsse, wertlose Wertpapiere, Not leidende Banken. Immofinanz, Constantia Privatbank, Bayerische Landesbank, Lehman Brothers, Merrill Lynch, Fanny Mae – alle stehen im Rampenlicht, nur Sie nicht. Auch schlechte Publicity ist Publicity, denken Sie neiderfüllt. Doch jetzt naht Hilfe: die exklusive Anleitung zu Ihrem individuellen ­Finanzskandal, der Ihnen das Interesse der Medien sichert.

Schritt eins
Sie kaufen lausige Anleihen, die von ebensolchen Ratingagenturen mit AAA bewertet werden. Diese Papiere belehnen Sie bei der Bank, nehmen einen Kredit auf und kaufen um das Geld bei einer weiteren Bank weitere lausige Papiere. Das machen Sie 50- bis 60-mal hintereinander, was bewirkt, dass Ihr Eigenkapital im Vergleich zum Fremdkapital verschwindend gering wird. Wichtiger Tipp: Ihre Schulden sollten 100 Millionen Euro unbedingt übersteigen, sonst inter­essiert sich wegen der inflationären Insolvenzen derzeit niemand für Sie. Sollten Sie Freunde für ein psychiatrisches Gutachten vorschlagen, lehnen Sie entrüstet ab und murmeln ein paar Fachausdrücke wie „Leverage“ und „Swap“. Damit wäre das Wichtigste geschafft: das kleinste Lüftchen am Zinsmarkt, und Sie sind pleite.

Jetzt lassen Sie zu ein paar Journalisten durch­sickern, Sie hätten Bilanzprobleme wegen riskanter Wertpapiere. Tags darauf gibt es die ersten kleinen Berichte. Daraufhin dementieren Sie entschieden und drohen mit Klage. Wieder wird berichtet. Dank der volatilen Zinsmärkte ist das Lüftchen pünktlich da. Sie sind pleite und schreiben eine Presseaussendung, in der Sie von Verhandlungen mit Banken faseln und – ganz wichtig – das Wort Massenkündigungen einstreuen. Sie rücken auf Seite zwei des Wirtschaftsteils vor. Es gibt erste Kurzmeldungen im Fernsehen.

Als börsennotiertes Unternehmen sollten Sie jetzt bei der FMA anrufen, um die Beamten auf sich und Ihre Machenschaften aufmerksam zu machen. Ansonsten riskieren Sie, dass die Aufsichtsbehörde den Skandal verschläft und Ihre Bemühungen zunichte macht. Danach informieren Sie einige Reporter durch anonyme Anrufe darüber, dass die FMA bereits Untersuchungen aufgenommen hat. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Sie haben Seite eins des Wirtschaftsteils erobert. Chefredakteure lassen Ihren Namen erstmals in Kommentare über unverantwortliche Manager einfließen.

Nun geben Sie eine theatralische Pressekonferenz
Sie beschönigen alles, erklären sich zum Opfer der Umstände und beschimpfen die Redakteure. Damit haben Sie es geschafft: Die „ZiB 1“ sendet einen 3-Minuten-Beitrag, in dem Sie mit Wirtschaftsgranden wie Helmut Elsner und Julius Meinl in einem Atemzug genannt werden. Jeder kennt Ihr Unternehmen, Ihre schluchzende Frau wird nebst Töchtern in NEWS interviewt.
Als Amateur würden Sie an dieser Stelle Schluss machen und sich im Knast als Celebrity feiern lassen. Aber ich weiß, Sie wollen mehr. Sie sind Profi: Also begeben Sie sich mit einer Smith & Wesson zur Kick-off-Feier der aktuellen „Starmania“-Staffel und begehen vor laufender Kamera Selbstmord. „USA-Today“, „The Sun“, „Bild“ und „Krone“ bringen mehrseitige Farbberichte. Die Fernsehbilder gehen um die Welt. So einfach ist das! Jetzt sind Sie ein echter Star. ­Medien sind eben leicht manipulierbar.

klasmann.stephan@format.at

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