Wie sie Märkte und Staaten beherrschen:
Wolfgang Matejka über die Ratingagenturen

Als Henry Varnum Poor Bewertungen für die Finanzstärke der einzelnen Eisenbahngesellschaften veröffentlichte, ahnte er mit Sicherheit nicht im Entferntesten, welch globale Industrie er damit ins Leben gerufen hatte. Und auch nicht, dass 140 Jahre später durch derartige Einschätzungen ganze Staaten erschüttert und an den Rand der Zahlungsunfähigkeit getrieben werden sollten. Als 1909 John Moody die Arbeiten von Poor aufnahm und diese Bewertungen durch „Ratings“ ersetzte, begann die Dampflokomotive „Rating-Agencies“ zum Hochgeschwindigkeitszug zu mutieren – ohne diese funktionieren Unternehmen, Staaten, ja der gesamte Kapitalmarkt nicht mehr. Doch wie kann die ganze Welt von einigen wenigen Bewertungsagenturen derart abhängig sein?

Die Antwort ist: Alles ist historisch gewachsen, hat oder hatte einen Sinn und wurde nur aus Bequemlichkeit nicht verändert, weil es um viel, viel Geld geht und man sich daher höchst effizientes Lobbying leisten kann.

Der Standard „Investment Grade“ als Maximalrisiko wirkt seit 1936 und bringt noch heute furchtbare Unruhe in manche Bondportfolios. Sinkt die Bonität eines Emittenten unter dieses Niveau, dann erhält er den Status „High Yield“ (auch „Junk Bond“ genannt). Um obigen fixen Regularien zu entsprechen, müssen die meisten Investoren diese Anleihen nun umgehend verkaufen (der aufmerksame Leser erkennt langsam, wodurch ein Teil des Griechenland- Problems entstanden ist). Dabei streiten sich die klügsten Köpfe seit Jahrzehnten, ob man nicht gerade mit diesen riskanteren Anleihen langfristig weit besser fährt. Sind Ratings daher wirklich gut für Investoren?

Die Tatsache, dass die größten globalen Ratingagenturen, nämlich Standard & Poor’s Corporation und Moody’s Investors Service, rein amerikanische Privatunternehmen sind, ergänzt das Bild. Selbst der drittgrößte Player, Fitch Ratings, kann, obwohl inzwischen mehrheitlich im Besitz einer französisch dominierten Holding, seine US-amerikanischen Wurzeln nicht leugnen. Zwar müssen Ratingagenturen immer häufiger erst von lokalen Finanzbehörden zugelassen werden, aber es sind immer diese drei, die das Rennen machen. Wie weit die Macht dieser Finanz-Schiedsrichter bereits behördlich verankert ist, zeigt die Tatsache, dass Banken, die ein eigenes internes Rating entwickeln, dieses mit den Ratings der drei „Großen“ vor der Finanzaufsicht abstimmen müssen. Diese Mühe tun sich viele Institute gar nicht an. Die wenigen, die es doch wagen, ihr Geschäft mit „eigener Meinung“ abzusichern, fahren damit meist gar nicht mal so schlecht. Die Deutsche Bank war ein solches Institut und ging nahezu unbeschädigt durch den Subprime-Dschungel. Erst die Kursverluste am Pfandbriefmarkt bescherten Verluste. Andere Unternehmen und Banken nutzen dagegen die Möglichkeiten von Ratings exzessiv aus. Nicht erst seit Goldman Sachs seine strukturierten Portfolios mit Bestnote AAA bewerten und die Investoren auf über 80 Prozent Kursverlust sitzen ließ, weiß man, wie dünn das Netz der „Meinungen“ von S&P und Konsorten ist. Griechenland ist für uns brandaktuell, aber Österreich hat’s auch 2008 nur knapp nicht erwischt. Weitere Beispiele gefällig? Enron, WorldCom, Parmalat, Lehman – alle waren mit hervorragenden Ratings fast bis zum Schluss ausgestattet.

Manch einer denkt an Home Bias, wenn er die verschiedenen Länderratings der US-Bundesstaaten sieht. Die schlechtesten Ratings haben die Militärinsel Guam (B+), Puerto Rico (BBB-), das ähnlich groß wie Montenegro ist, und die (noch) sechstgrößte Wirtschaft der Welt, Kalifornien (A-). Russland und Polen aber sind ebenso mit BBB bewertet! Die Budgets und die Verschuldungsgrade dieser Staaten sind aber um Längen besser als die Dutzender weit besser gerateter US-Staaten. Gerade Kalifornien ruft beispielsweise nahezu wöchentlich um Finanzhilfe.

Ein gewichtiger Vorwurf an S&P & Co ist auch, dass sie sich von ihren Kunden kräftigst zahlen lassen. Ohne Geld kein Rating. Damit die Auftraggeber- Auftragnehmer-Objektivität gewahrt bleibt, verpflichtet sich der Beurteilte zu absoluter Offenheit, im Gegenzug sichert die Agency Verschwiegenheit zu. Sollten sich aber externe Faktoren rasch verändern, die zu Ungunsten des Beurteilten auszulegen sind, zeigt die Vergangenheit, dass die Agencies sofort die Hand wegnehmen, herabstufen und den Druck auf die Unternehmen erst dadurch erhöhen. Nach dem Motto „Ich war’s nicht“ werden Schuldner so enormen Belastungen ausgesetzt, die oft nicht mehr zu beherrschen sind und Unternehmen in den Ruin treiben. Das ist den Marktteilnehmern auch bewusst, und daher kommt auch ein Teil der Macht der Agenturen. Man weiß, was es bedeutet, sich mit Moody’s & Co nicht gut zu stellen. Das kennt man auch von anderen, nicht so öffentlichen Organisationen …

Doch eines sei uns in all der berechtigten Kritik an Ratingagenturen bewusst: Diese Unternehmen haben sich den Gegebenheiten perfekt angepasst und Ineffizienzen und Schwächen zu ihrem Vorteil genutzt. Sie sind nicht prinzipiell schlecht. Sie zeigen unsere Schwächen auf und blamieren dadurch Politiker, die diese Machtpolarisation erst ermöglicht haben. Nicht der Vergolder macht das Goldene Kalb, der Anbeter macht’s.

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten