Warum Wrabetz der richtige Mann für den ORF ist, es aber trotzdem bergab geht

Alexander Wrabetz ist der absolut richtige Mann für den Österreichischen Rundfunk. Er ist eben nicht einfach zufällig dessen Generaldirektor. Alexander Wrabetz bringt ganz augenscheinlich jene Qualifikationen mit, die man braucht, um diese Position zu erreichen und sich dort auch längerfristig zu halten. Er kann das, worauf es wirklich ankommt, entschieden besser als alle, die sonst im Kontext ORF genannt wurden und werden. Das ist zunächst einmal festzuhalten. Frei von jeder Ironie.

Jetzt kann man natürlich darüber nachdenken, was denn diese Qualifikationen sind, um die es da geht, und warum es gerade auf diese Qualifikationen ankommt. Die Kompetenz, festzulegen, worauf es ankommt, liegt in jedem Unternehmen beim Eigentümer.

Beim ORF ist das die Republik Österreich. Die Republik Österreich wird im Wesentlichen durch die jeweilige Regierung repräsentiert; dahinter steht das Parlament, und noch einmal dahinter stehen die politischen Parteien.

Und weil die Gesellschaft zunehmend pluraler wird und in Österreich das Verhältniswahlrecht gilt, bestimmt nicht einfach eine Partei alleine. Dass Österreich auch noch föderal organisiert ist, sollte man nicht vergessen; es erhöht die Komplexität zusätzlich. Und das ist noch gar nicht alles, aber lassen wir es für unsere Zwecke einmal dabei bewenden.

Die strukturelle Entsprechung dieser Komplexität nennt sich im Falle des ORF Stiftungsrat. Dort gilt es, Mehrheiten zu finden und zu pflegen. Das ist unter den gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen für einen so sympathischen Sozialdemokraten wie Alexander Wrabetz eine vergleichsweise leichte Übung.

Viel, viel schwerer war das zuletzt, unter einer Mitte-Rechts-Regierung, bei seiner Wahl zum Generaldirektor. Das war damals die wirklich hohe Kunst der ORF-Diplomatie. Und was Alexander Wrabetz da vorgezeigt hat, das soll ihm erst einmal eine(r) nachmachen.

Ich lehne mich hinaus: Das wird nie mehr jemandem gelingen. Deswegen, wegen dieser seiner Schlüssel-Qualifikation, ist er Generaldirektor und wird er auch Generaldirektor bleiben.

Nachdem nun diese Personalfrage solcherart geklärt ist, können wir uns ja noch der einen oder anderen Sachfrage zuwenden, obwohl das die Verantwortungsträger im und rund um den ORF vermutlich kaum interessiert.

Immerhin, den Bürgerinnen und Bürgern im Land mag ja da und dort auffallen, dass der Österreichische Rundfunk nicht mehr das ist, was er einmal war. Vielleicht nennt sie der ORF deshalb Seherinnen und Seher. Weil sie eben etwas wahrnehmen, was im Binnensystem von ORF und Politik, Politik und ORF nicht weiter aufzufallen scheint: Mit dem öffentlichrechtlichen Rundfunk in Österreich geht es umfassend bergab.

Dabei wird übrigens – das ist interessant – erstmals eine Korrelation außer Kraft gesetzt, die man ganz allgemein schon für gesetzmäßig gehalten hatte: nämlich, dass sich Niveau und Quote immer gegenläufig verhielten. Also, je höher das Niveau, umso niedriger die Quote; und umgekehrt.

Der ORF setzt also diese historische Gesetzmäßigkeit außer Kraft und synchronisiert erstmals nachhaltig den Niveauverlust mit dem Reichweitenverlust und entspannt damit die traditionell so belastete Beziehung von Anspruch und Quote. Alexander Wrabetz löst also auch diesen klassischen Widerspruch in einer einmal mehr überraschenden Koalition auf. Schlüssel-Qualifikation.

Für herkömmliche Medienunternehmen wäre der gleichzeitige Abfall von Qualität und Audience eine lebensbedrohliche Mischung. Das ist beim öffentlich- rechtlichen ORF anders. Er erhält vom Gesetzgeber – freilich auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger – einen so gewaltigen Berg an Gebühren zugewiesen, dass ihm im Grunde die Befindlichkeiten der Seherinnen und Seher, der Hörerinnen und Hörer wie auch der werbetreibenden Wirtschaft ziemlich gleichgültig sein können.

Solange die Gebühren fließen, muss sich der ORF weder über die Gegenwart kränken, noch um die Zukunft sorgen. Und die Gebühren fließen so lange, wie die Politik den Nutzen eines von ihr beherrschten Österreichischen Rundfunks in seiner Wirkung auf die Wählerinnen und Wähler höher einschätzt als aktive Arrangements mit den dafür noch immer zu heterogenen und damit unberechenbaren privaten Medienveranstaltern.

Was fast wie eine Entwarnung für den ORF und seine Verantwortungsträger klingt, ist in Wahrheit doch das Gegenteil: So unüberschaubar weit ist die österreichische Wirklichkeit von diesem Wendepunkt trotzt allem nicht entfernt! Dann freilich wird es zu spät sein, die Qualifikationen für die Führung des ORF neu zu definieren, nämlich Antworten für die gewaltigen Herausforderungen der neuen, digitalen Welt zu suchen und zu finden.

-Horst Pirker
Unternehmer, langjähriger Styria-Chef

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