Warum junge Wähler Strache zulaufen
und den Grünen davonlaufen

Die Steiermark-Wahl ist geschlagen, jetzt richten sich alle Scheinwerfer auf Wien. Da wird am 10. Oktober gewählt. Landtagswahlen aber sind, wie in den letzten Tagen von politischen Kommentatoren und Analysten bereits mehrfach festgehalten wurde, tatsächlich nur eine Schimäre.

Zu entscheiden hat die Führung eines Bundeslands heute sowieso fast gar nichts mehr. Gäbe es eine Verwaltungsreform, die den Namen auch verdient, dann müssten die politischen Einheiten namens „Bundesländer“ in Österreich kräftigst beschnitten werden.

Weil aber manche Landeshauptleute in der Politik Gesamtösterreichs ein ganz großes Wort mitzureden haben, sind Landtagswahlen trotzdem wichtig. Und in einer solchen Konstellation haben Landtagswahlen auch nicht nur die Funktion, Regionalmacht festzustellen, sondern auch noch eine weitere wichtige Aufgabe: die des Aufzeigens prinzipieller politischer Positionierungen und Trends nämlich. Taktisches Wählen wäre also höchstens im Hinblick auf erstere Funktion angebracht. Im Hinblick auf die zweite kann man Wahlergebnisse als grundlegenden emotional-politischen Lackmus-Test werten.

Nach den gesamtösterreichischen Wahlen 2008 schrieben sämtliche Blätter vom „Trend der Jungwähler zur FP֓ mit ihrem Frontmann Heinz- Christian Strache. Diese Tendenz zum Rechtspopulismus diagnostizierten Jugendforscher vornehmlich bei schlecht ausgebildeten männlichen Jugendlichen, den jungen Wohlstandsverlierern. Gut ausgebildete junge Leute, vornehmlich StudentInnen und junge AkademikerInnen, hingegen würden die bisherigen Großparteien eher Richtung Grün verlassen, hieß es allgemein.

Schreibt man diese Tendenz in die Zukunft fort, so scheint den Rechtspopulisten einerseits und den Grünen andererseits die Zukunft zu gehören – jedenfalls in jenen Ländern, in denen beide politischen Kräfte gut im Rennen liegen, also etwa beim großen Nachbarn Deutschland. An diesem Zukunftsszenario ist viel dran. Was die Strache-FPÖ angeht, muss dazu nicht viel gesagt werden. Junge Männer, die sich von der Krise am Arbeitsmarkt in die Defensive gedrängt fühlen, jubeln dem Rattenfänger besonders eifrig zu – aber das war schon vorher klar. (Mädels übrigens auch, wenn auch in geringerem Maße.) Die Affinität der jungen Gebildeten zu Grün hingegen bleibt – jedenfalls in Wien – offenbar eng auf den Döblinger Villen-Nachwuchs und die schicken Dachgeschoßgrätzel zwischen Spittelberg und Josefstadt beschränkt. Und dieses Ungleichgewicht gibt zu denken. Es führt zur Frage, wieso die österreichischen Grünen kein so attraktives Angebot für die Jugend darstellen wie ihre Schwesterparteien in anderen Ländern.

Thesen über die Ursachen müssen rudimentär bleiben. Trotzdem – hier ein paar Ansätze: Josef Joffe, einer der Herausgeber des deutschen Blatts „Die Zeit“, beschreibt die mit einem Deutschland-weiten Umfrage-Hoch von derzeit 24 Prozent erfolgreichen deutschen Grünen als wertkonservative Partei. Joffe: „Die beste konservative Partei sind die Grünen, weshalb ihnen das neue Bürgertum auch zuhauf zuläuft. Sie verpönen das Wachstum; sie wollen Verkehr und Technik bremsen (es sei denn, es geht um Wind und Sonne).“ „Nachhaltig“ ist laut Josef Joffe bloß ein anderes Wort für „konservativ“. SPD und CDU/CSU seien zwar natürlich ebenfalls ergrünt, aber „das Original“ sehe, meint er, trotzdem wesentlich „besser aus“.

Nun ist schon klar, dass die Grünen bei ihrer „Ökologisierung von Politik“ massiv Konkurrenz bekommen haben. Trotzdem wollen die Wähler offenbar genau diese Facette des grünen Angebots keineswegs missen. Das ist Lehre eins.

Auch in einem weiteren Punkt erscheint es angebracht, sich auf Joffe zu beziehen: dann nämlich, wenn es um die große „political correctness“ der – zumindest österreichischen – Grünen geht. Zusammen mit dem bekannten deutschen Journalisten Henryk Broder und anderen hat Joffe im Vorjahr ein Buch herausgebracht, das ein Plädoyer gegen die „political correctness“ darstellt. Es heißt: „Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist“. Nun wird niemand den Grünen die Berechtigung absprechen wollen, im Kreis der augenzwinkernden Machterhalter eine Ausnahme darstellen zu wollen. Aber Hans Peter Haselsteiners Charakterisierung der Grünen als sinngemäß bierernste und eher humorlose Truppe tut deren Image offenbar nicht gut. Das ist Lehre zwei.

Die Kinder der Konsumgesellschaft wurden mit dem Glaubensbekenntnis zu Materialismus und Marktwirtschaft groß. Jede Leistung verlangt eine Gegenleistung. „Mit einem Wertewahlkampf braucht man den jungen Leuten nicht mehr zu kommen“, sagen heute die Profis. Freilich ist das genau die Denke, die von den Grünen abgelehnt wird. Sollten sie aber gewählt werden wollen, müssten die Grünen ihre starren Prinzipien über Bord werfen. Das ist Lehre drei.

- Liselotte Palme, FORMAT-Autorin

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten