Warum Othmar Karas ein Kommunist ist

Zeit, einen vor den Vorhang zu holen, der so gar nicht modernen Ansprüchen an die Politik entspricht. Und gerade deshalb zum neuen Role Model taugt.

Als Trendsetter geht der Mann nicht durch. Er trägt die Uruniform aller Businessmenschen: grauen Flanell, blaue Blazer, gestreifte Krawatte. Nur dass in unserem Fall die Hosen zu weit, die Schulterpolster zu ausladend sind. Die Brille mit dem Goldrand war schon in den 90ern out. Othmar Karas als geschniegelt zu bezeichnen – nein, das ist nicht. Wahrscheinlich bezieht er seine Sachen immer noch bei „Mode zum Stadtturm“ im Geburtsort Ybbs.

Ist schon sein Outfit altmodisch, so ist sein Zugang zur Politik noch gestriger: Er glaubt an Sache und Sacharbeit, an Argumente statt schnelle Sager, an den Versuch, schwierige Zusammenhänge ohne populistisches Getöse an Frau und Mann zu bringen. Und der 54-Jährige ist auf einem Feld unterwegs, das komplizierter zu verkaufen gar nicht sein könnte: der EU-Politik. 80 Arbeitsstunden die Woche, jahraus, jahrein, meist weit weg vom Döblinger Zuhause.

Der späte Othmar Karas erinnert an jenen Mann, in dessen Küchenkabinett er gelernt hat. An Alois Mock, den gegen übermächtige SP-Kanzler chancenlosen ÖVP-Chef, aber als Held der EU-Volksabstimmung 1994 gefeierten „Mister Europa“.

„Die andere Art der Bolitig“, die Mock in seinem Euratsfelder Idiom gepredigt hat, lebt Schützling Karas. Und hat es damit weit gebracht: zu einem von 14 Vizepräsidenten des 754 Mitglieder zählenden EU-Parlaments. Gemeinsam mit seinem SP-Zwilling Hannes Swoboda ist der VP-Fraktionschef heute der angesehenste österreichische Politiker in der Union.

Warum hier so ausschweifend der Lebensweg des O. K. geschildert wird, ist rasch erklärt: Es hat mit der Wahl in Graz zu tun und dem mit Nervosität erwarteten Aufritt von Karas als Zeuge im Strasser-Prozess nächsten Donnerstag.

Von Karas wird es abhängen, ob ein Ex-ÖVP-Minister ins Gefängnis geht. Zentrale Frage im Lobbygate-Verfahren: Wollte EU-Parlamentarier Ernst Strasser gegen Bezahlung Gesetze beeinflussen? Bestätigt Karas solches auch nur in Ansätzen, ist ein Schuldspruch wegen „Bestechlichkeit“ wahrscheinlich.

Jedenfalls stehen sich im Wiener Landesgericht die Antipoden der Politik gegenüber: Der gefallene Zyniker, der vor Augen führt, wohin Macht und deren Missbrauch führen kann. Auch Strasser war ja in jungen Jahren angetreten, die Welt zu verbessern. Geendet ist er als Geschäftemacher für den eigenen Vorteil. Und der zähe Aufrechte, der seinen Weg geht und dafür direkten Wählerzuspruch einheimst.

Karas erhielt bei der EU-Wahl 2009 satte 97.144 Vorzugsstimmen – viele davon aus Protest gegen den VP-Spitzenkandidaten Strasser, der ihm vor die Nase gesetzt wurde. Das Josef-Pröll-Lager glaubte nicht, mit Karas einen Blumentopf zu gewinnen.

Das führt uns zur Grazer Gemeinderatswahl, bei der die Kommunisten Platz zwei erzielten. Der Gedanke, dass totalitäre Ideologien Wiederauferstehung feiern, ist nicht sonderlich beruhigend. Aber darum ging es in Graz allem Anschein nach nicht. Einen solchen Erfolg hätte genauso gut eine engagierte grüne Bürgerliste oder sogar eine Abspaltung der Konservativen erzielen können. Es drehte sich weniger um das Comeback des Stalinismus, sondern um glaubwürdigen Einsatz für ein Thema, das Menschen bewegt. In Graz eben um Wohnungsnot.

Insofern könnte man sagen: Auch Othmar Karas ist ein Kommunist – er kommt deshalb so gut an, weil man ihm abnimmt, dass er für seine Sache lebt. In Zeiten hoher Politikerverdrossenheit, sich auflösender Parteibindungen, ist Altvater Karas prädestiniert, zu einem Role Model zu werden – für ein neues Politikerverständnis, das auch erschöpften ehemaligen Großparteien Leben einhauchen könnte. So nach dem Motto: Mäßig aufregend, doch zuverlässig wie ein VW-Käfer. „Er läuft und läuft und läuft.“

Egal auf welcher Ebene, ob Gemeinde, Land, Bund oder Europa – Parteien sowie dazugehörige Weltanschauungen zählen mittlerweile weniger als die eine, glaubwürdige Person. Das alles spricht für ein stärkeres Persönlichkeitswahlrecht, solange demokratische Checks and Balances gewahrt bleiben.

Nur in Klammer angemerkt: Genau an der Glaubwürdigkeit könnte Shootingstar Frank Stronach scheitern – nämlich am Widerspruch seiner „Werte-Werte-Werte“-Kampagne zum vermuteten Profit aus den umstrittenen Eurofighter-Gegengeschäften.

Dass Othmar Karas gerne wider den Stachel löckt, macht die Role-Model-These nur noch richtiger: Da lobt der schwarze EU-Experte den roten Kanzler für seine konstruktive EU-Politik, da wäscht er dem eigenen Parteichef für dessen Vetodrohungen den Kopf. Das ist ebenso erfrischend wie mutig.

Mal sehen, wie lange sich der Funktionärsapparat das noch gefallen lässt.

trend-Interview. Die Euro-Parlamentarier Hannes Swoboda und Othmar Karas streiten nicht miteinander, sondern mit ihrer Regierung in Wien.

- Andreas Weber

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