Warum sich die Österreicher das schlechte Gewissen so viel kosten lassen

Charity und Gier: Geben und Nehmen, die urösterreichischen Tugenden.

Sie trieben es ganz schön bunt, die Kleinen aus der deutschen Biedermeierprovinz: Ihre Gier war ganz und gar ausgekocht. Sie hießen Max und Moritz, Zappelphilipp und Struwwelpeter. Böse Kinder. Und heute? Nun, wer Kinder in unseren Tagen beim Spiel beobachtet, weiß um die Bedeutung der allerwichtigsten Worte: Diese heißen „mein-mein“ und steigern sich zum definitiven „mir-mir-mir“. Kinder kämpfen um ihr „Eigentum“ – um Puppe oder Teddybär – wie Erwachsene. Man könnte meinen, dass Kinder die energischsten Kapitalisten sind – und in ihrer Welt die Eigentumsfanatiker dominieren.

Nun wählt seit einiger Zeit eine Jury alljährlich ein „Wort des Jahres“. Für 2011 plädiere ich für das Wort „Gier“. Ein Blick in die Gazetten macht sicher: Uns alle manipuliert derzeit eine gierige Atomindustrie, es tricksen uns gierige Börsianer aus, und es brillieren gierige Europaabgeordnete mit ihren Englischkenntnissen.

Nun ist Gier eine Untugend, die moralisch überall gebannt erscheint. Für Christen eine Todsünde vor Gott, für Sozialisten der Treuebruch mit der werktätigen Bevölkerung, für Humanisten der Verrat an der Gleichheit und für Faschisten ein Verbrechen an der Volksgemeinschaft. Aber ist das alles so einfach? Könnte nicht die Gier durchaus eine Art Vaterschaftsrolle für den gesunden menschlichen Ehrgeiz einnehmen? Ist beim Kind das „Ich“ nicht die unvermeidliche Gewöhnung an die harte Konkurrenz in der Welt? Ja – kann nicht die verteufelte Gier zu tollen Höchstleistungen antreiben – und zwar beim Einzelnen wie in der Gesellschaft?

Hugo von Hofmannsthal lässt seinen mittelalterlichen Jedermann einen Schuldknecht vorführen. Der arme Teufel kann seine Schulden nicht zurückzahlen und jammert seinen Gläubiger an. Aber dieser bleibt hart und verteidigt seinerseits das „System“. Und so könnte der Dialog ganz trefflich für das Jahr der Gier als Motto dienen:

„Nimm die Belehrung von mir an,
es war ein weiser und hoher Mann
Der uns das Geld ersonnen hat.
An niederen Tausches und Kramens statt“

Nun hatte der gute Jedermann dennoch ein schlechtes Gewissen und befreite sich durch etwas, was wir heute Charity nennen. Er ließ dem Schuldknecht aus seinem prall gefüllten Goldbeutel ein paar Münzen zukommen. Also Spende, nicht Abgabe; Humanität, nicht Gier. Charity: Das ist also das elegant-moderne Gegenwort zur Gier. Die Österreicher sind, folgt man den heimischen Kommentatoren, derzeit die korruptesten, gierigsten und – denkt man an unsere Asylpraxis – fremdenfeindlichsten Zeitgenossen in Europa. Zugleich sind sie aber auch Spendier-Weltmeister; kein anderes Volk in der EU lässt sich das (angeblich) schlechte Gewissen so viel kosten wie das österreichische: „Nachbar in Not“, Straßenkinder, „Licht für die Welt“, Feuerwehren und Katastrophenhilfen – alles ehrenwerte Organisationen. Die Liste ist leicht fortsetzbar. Und wird von Jahr zu Jahr länger.

Entweder ist die wirtschaftskriminelle Neigung der Österreicher so groß, dass man hierzulande zwecks Überwindung des eigenen schlechten Gewissens eben überdimensional spendierfreudig ist – und zum Jedermann-Syndrom Zuflucht nimmt. Oder ein nationales Ethos beschäftigt die Österreicher permanent: Gut dazustehen vor der Welt hat Vorrang. Und so sind viele Gutmenschen rund um die Uhr damit beschäftigt, das durch ein paar schwarze Schafe in Misskredit gebrachte Image wieder zu sanieren. Schon jetzt wartet der Heiligenschein auf viele tapfere Freiwillige. Oder aber: Wir beobachten unsere erfolgreichen österreichischen Promis gerne, wie sie kleidentledigt auf Life-Bällen für Aids spenden oder bei festlichen Diners rund um Weihnachten Opfer bringen; das heißt – im Rahmen von jeweils sechs Gängen Gutmenschentum betreiben.

Korruption infolge von Gier hat es immer gegeben; Verstöße von Politikern, Ex-Politikern und Managern besonders. Österreich ist nicht eben ein unschuldsvolles, aber auch kein hochkriminelles Land. Und unsere oberen Schichten der Gesellschaft sind so gierig beim Abkassieren, wie es die Bürger, die Justiz und die Exekutive eben gestatten. Wer kennt ihn nicht, den Beamten in Irgendwo, der „nimmt“? Und wann regierte denn nicht die kalte Gier? Ist der AKH-Skandal völlig vergessen, was ist mit dem sogenannten Strengberg-Skandal oder erst recht mit der Lucona?

Deshalb darf nochmals Hofmannsthal zitiert werden, der den cleveren Jedermann die Gier erklären lässt, die alle Welt zusammenhält:

„Mein Geld muss für mich werken und laufen
Mit Tod und Teufel hart sich raufen
Weit reisen und auf Zins ausliegen
Damit ich soll, was mir zusteht, kriegen …“

Also: Gier perfekt. Womit auch noch eine Erklärung für die Weltwirtschaftskrise der letzten drei Jahre vorliegt.

PS: „Jedermann“-Karten gibt es auch in diesem Sommer nur mit viel Geld. Aber man erlebt Philosophie, Theologie, Weltgeschichte und -wirtschaft in einem Stück. Viel Glück!

- Hans Magenschab
Historiker und Publizist

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