Warum gehört die Neidgenossenschaft
zum Volkscharakter Österreichs?

„Österreich ist noch immer kein westlich-liberaler Staat, der Erfolg belohnt und Misserfolg bestraft.“

Die Österreicher haben Neidhammelei seit eh und je als ingeniöse Nationaleigenschaft gehätschelt. Hierzulande missgönnt jeder jedem das Lebenseinkommen zwischen Anfangsgage und Pensionsabfertigung;
den Kindern ihre Erbschaft; den Ruheständlern das Pflegegeld; den Bauern den Milchpreis; den Managern ihren Bonus; den Politikern die Dienstautos; und den Lehrern die langen Ferien. Alles in allem ist das ein famoses Konstrukt von Missgunst und Verlogenheit, Heimlichtuerei und Rechthaberei. So weit ich mich erinnern kann, erheben Jusos, ÖGB-Funktionäre, Caritas und Opposition den Vorwurf des „zu viel“ und „nicht gerechtfertigten“ Einkommens bei Klassenfeinden, miesen Charakteren, schlechten Christen und politischen Opportunisten. Und immer lösten sie den Pawlowsche-Hunde-Effekt aus: Die Medien rapportieren mit Eifer den Konflikt – und seien es nur die Transparente am 1. Mai; die Verantwortlichen der Regierung bilden Steuer-Arbeitsgruppen (worin weiland Bruno Kreisky Staatsmeister war); und die Abgeordneten faseln ihren Wählern vor: Zahlen werden nicht sie, „die Armen“, sondern „die Reichen“.

Nun ist die Neidgenossenschaft in einer agrarischen und feudalen
Gesellschaft – wie jener in Österreich – tief eingewurzelt.
Man missgönnte seit jeher dem reichen Nachbarn Jedermann so gut wie alles – den Mammon in der Truhe, die bessere Ernte, die fesche Buhlschaft. Volksdichter Raimund stellt im „Bauer als Millionär“ den personifizierten „Neid“ auf die Bühne; der lässt den Bauer Fortunatus Wurzel einen Schatz finden. Die Causa geht tragikomisch aus; denn Reichtum ist hierzulande anrüchig, während Armut geradezu als Glücklichmacher gilt. Johann Nestroy ist keineswegs auf der anderen Straßenseite. Wenn etwas, so heißt es im „Talisman“, nicht aus Lieb’ gschieht, dann gschieht es aus Neid. Das hat schon fast theologischen Tiefgang. Jedenfalls ist es in einem katholischen Land geradezu unsittlich, dem Reichtum keine soziale Verpflichtung anzuhängen.

Und der Neid? Eine Todsünde. Ganz anders wird das in Regionen gesehen, wo nicht Adel und Kirche, sondern Kaufleute die öffentliche Moral bestimmten. Der holländische, englische oder skandinavische Kaufmann trug weiland mit seinen Segelschiffen auf fernen Märkten ein so hohes Risiko, dass angehäuftes Vermögen die Belohnung für Wagemut war. Für David Hume (1711–1776) war kommerzieller Ehrgeiz positiv, Neid für gesellschaftliche Evolution wichtig. Dem Reichen durch Steuern das Vermögen wegzunehmen, hätte den Wettbewerb nur geschwächt; Neid hingegen war – richtig eingesetzt – gesunder Antrieb zu fortgesetztem Erfolg.

Hierzulande hat man auf aufgeklärte Thesen mit einem famosen Trick geantwortet. Der diskrete Charme der Aristokratie bannte das Geld zu etwas „Schmutzigem“, über das eine öffentliche Konversation unfein war – selbst wenn man Geld gehabt hätte (was angesichts der permanenten Kriegsführerei Österreichs kaum je der Fall gewesen ist). Übertriebener Protz war jahrhundertelang im alten Wien auch gar nicht comme il faut; Wiener Palais sind vergleichsweise klein geraten im Vergleich zu französischen oder deutschen Residenzen. Außer für die Musik waren die meisten Habsburger auch nicht bereit, übermäßig aufzutrumpfen; Kaiser Joseph II. ging in einer abgewetzten Uniform umher, seinen Beamten gab er lieber Orden als Gehaltsverbesserungen; Franz I. hatte etwas später ein Arbeitszimmer von der Größe einer mittleren Bauernstube. Das adelige Offizierskorps der Riesenarmee hatte zwar Privilegien, war aber blamabel unterbezahlt; mit allen (auch halbkriminellen) Konsequenzen für eine große Armee. Ähnlich erging es Wissenschaftlern, Lehrern und Priestern.

Das Tabu – Geld macht unfein – durchbrachen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jüdische Zuwanderer. Binnen kurzem wurde Geld zum Gleitmittel für die K.-K.-Welt, Angebot und Nachfrage explodierten angesichts einer Bombenkonjunktur: Da waren der Ausbau der Infrastruktur in der Donaumonarchie durch die Eisenbahnen, die Donauregulierung, der Bau des Hafens von Triest, die böhmisch-mährische Industrierevolution – vor allem aber das enorme Wachstum von Wien als mitteleuropäische Metropolis mit ihrem dekadenten, weltweit einzigartigen Ringstraßen-Pomp. All das wäre ohne jüdisches Kapital undenkbar gewesen.

Wie aber reagierten die Einheimischen? Ihre katholischen Diskretionsregeln kollidierten mit dem öffentlich vorgezeigten Wohlstandskult der jüdischen Neubürger; und der angestachelte Neidkomplex wurde durch den Börsenkrach von 1873 sowie die nachfolgende Wirtschaftskrise überdies extrem verschärft. Damals kam Georg von Schönerer in den Reichsrat, und sein Wahlprogramm richtete sich bald „gegen die semitische Herrschaft des Geldes und der Phrase“. Demaskierend. Wie aber wollten die Antisemiten die Reichen bestrafen? Am einfachsten durch Reichensteuern und Einkommenstransparenz; weiters durch Offenlegung, „Umverteilung“, ja Enteignung. Am konsequentesten durchgezogen im März 1938. Und nach 1945? Da hatten sich die Österreicher die Neidgenossenschaft nicht abgewöhnt. Man mauschelte in großer Koalition und Sozialpartnerschaft permanent über Umverteilung. Die SPÖ forderte und bewirkte mehrmals Transfers zugunsten von Sozialhilfebeziehern und Pensionisten; die ÖVP trat für den kinderreichen bäuerlichen und kleingewerblichen Mittelstand auf die Barrikaden.

Unterm Strich dürften daher die demoskopischen Befunde bestätigen: Österreich ist noch immer kein westlich-liberaler Staat , der den Erfolg belohnt und den Misserfolg bestraft. Österreich ist aber auch kein Staat, in dem Casinokapitalisten aus dem Nichts auftauchen und nach kriminellem Missmanagement mit vollen Geldkoffern wieder verschwinden. Bleiben einige einheimische Reiche. Aber für diese gilt die Unschuldsvermutung. Und die ist eine Stiefschwester der Neidgenossenschaft …

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