Wahlzuckerln sind infantil, aber sie wirken

Wahlzuckerln sind infantil, aber sie wirken

Das Kalkül hinter Wahlzuckerln ist wider die Demokratie und ihre Werte. Politiker, die welche verteilen, sind Zyniker oder Schwachmatiker.

Wahlzuckerln sind grundsätzlich infantil. Sie werden ausschließlich in der Hoffnung auf ein möglichst gutes Wahlergebnis gemacht. Außerdem liegt ihnen in Bezug auf jene, die sie verteilen, eine zutiefst undemokratische und autoritäre Haltung zugrunde.

Warum sind Wahlzuckerln undemokratisch und autoritär?

Die Politik versucht, im Wahlkampf ausgewählte Gruppen mit Versprechen zu gewinnen. Was nicht immer gustiös ist, aber Teil des demokratischen Wettkampfes. Denken wir jedoch einen Schritt weiter und überlegen, welches Menschenbild hinter einem derartigen Kalkül steht. Vergessen wir dazu einmal die Aufklärung, die 1968er-Bewegung, die bürgerliche Emanzipation oder die Bildungsrevolution, um der Sache näher zu kommen. Wann geht man für gewöhnlich davon aus, Menschen mit billigen Zusagen gewinnen zu können, die ohne sachlichen Kontext und ausschließlich zum egoistischen Nutzen ausgewählter Adressaten gedacht sind?

Genau dann, wenn man diese für kindlich dumm hält – oder für absolut egoistisch.

Passiert das im Privaten, mag es bloß unsympathisch sein. Wenn aber demokratisch gewählte Repräsentanten Teile des Wahlvolkes für infantil und reflexgesteuert halten, so ist deren Kalkül eines, das sich wider die Demokratie und wider ihre grundlegenden Werte richtet. Demokratisch im Sinne eines Diskursmodells wären Wahlzuckerln nur dann, wenn offen gesagt wird: „Wir halten euch, die Wähler, für Trotteln und Egoisten, daher versprechen wir euch dies und das, und jetzt wählt uns bitteschön!“

Das geht natürlich sowieso nicht – daher: „undemokratisch und autoritär“.

Warum bedient sich also die Politik in einer modernen, aufgeklärten Informationsgesellschaft immer noch der längst überholt geglaubten Wahlzuckerl-Taktik?

Es ist ganz simpel: Sie spielt mit einem Mechanismus, der uns allen aus unserer Kindheit bekannt ist – nämlich die in Aussicht gestellte Belohnung durch die Mutter für ein von uns eingefordertes, braves Verhalten. Darauf hat vor vielen Jahren bereits der französische Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan hingewiesen, der Politiker als Stellvertreter nicht nur der Macht, sondern auch der Mutter definiert hat.

Sind es demnach ausschließlich Zyniker, die im politischen Geschäft mit Wahlzuckerln arbeiten? Nein, natürlich nicht. Es gibt noch eine zweite Gruppe: die der Schwachmatiker.

Ich behaupte nämlich, dass es eine Korrelation zwischen abgegebenen Wahlversprechen und schwacher politischer Führung gibt. Das lässt sich historisch bis in die Gegenwart dokumentieren. Mangels eines Nachweises besonderer politischer Leistungen greift die Gruppe der Schwachmatiker in die Hoffnungskiste des Wahlkampfes und verspricht, was in der Regel und bei sachlicher Betrachtung nicht zu halten ist. Denn es fällt leicht, Wahlversprechen zu machen. Das Argument dafür, warum man sie nach den Wahlen doch nicht einhalten kann, hat man längst in der Tasche – weil nämlich der Koalitionspartner nicht mitmacht. Mit anderen Worten: Man kommt also gar nicht in die Situation, ein Wahlversprechen wirklich umsetzen zu müssen.

Zur Abrundung des Themas muss man jedoch auch der Frage nachgehen, ob Wahlversprechen tatsächlich sinnlos sind. Denn wären sie es nicht, hieße das, dass jene Recht haben, die Teile der Wähler für Trotteln halten.

Eine schauderhafte Vorstellung?

Realität ist: Die Politik sucht Zuckerln aus, die bestimmten Wählergruppen gut schmecken. Die ÖVP etwa garantiert der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst größtmögliche Zulagen für jede Bewegung bei Temperaturen über 25 Grad. Oder: Die SPÖ-Genossen zeichnen ein Pensionsparadies für die nächsten 50 Jahre. Und für die FPÖ wären selbst ehemalige DDR-Grenzschutzanlagen kein ausreichender Schutz für die Heimat. Tatsächlich: Irgendwie bekommen sie dann alle mit dieser Strategie bei der Wahl ein wenig Recht. Wahlzuckerln wirken also.

Uns, die wir das Süße der Wahlzuckerln nicht mögen, bleibt immerhin ein Trost: Wir gehören nicht zu denen, die von der Politik für Trotteln gehalten werden.

- Dietmar Ecker war Sprecher des ehemaligen Finanzministers Ferdinand Lacina und ist heute Eigentümer der Kommunikationsberatungsagentur "Ecker & Partner".

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