Wachstumsschmerzen

Wachstumsschmerzen

Die Spirale wird weitergedreht. Die Crashs werden in immer kürzeren Abständen folgen.

Wohlstand ohne Wachstum? Diese Frage stand im Zentrum einer FORMAT-Story im April 2013 über mögliche Fluchtwege aus der europäischen Krise. Oder: Die Jagd auf die Reichen. So war im gleichen Monat auf einem unserer Cover zu lesen. Es ging um den Kampfaufruf gegen Vermögenstransfer in Steueroasen, den sich nicht nur Europas Politiker auf die Fahnen geheftet haben.

Vor 15 Jahren sah die Welt noch anders aus. Da wurde das Magazin FORMAT aus der Taufe gehoben. Und die Welt stand im Banne des Dotcom-Hypes, der von 1998 bis 2000 seinen Höhepunkt erlebte. Kein schlechter Zeitpunkt für eine Medien-Neugründung: Geld schien abgeschafft. Internet-Firmen schossen wie Unkraut aus dem Boden. Sie investierten auf Teufel komm´ raus, auch in Werbung. Unternehmen, die nicht ein Vielfaches dessen ausgaben, was sie einnahmen, galten als hoffnungslos altmodisch. Die Finanzbranche verdiente prächtig mit. Die Börsen spielten verrückt.

Wer noch nach Öl bohrte, war Old Economy; wer nach realen Werten fragte, ein Erbsenzähler. Die Stars waren Unternehmen wie Enron in den USA: eine Web-Plattform für den Handel mit Energie bzw. Energie-Derivaten. Amazon war noch kein Konzern der üblen Steuertrickser, sonden ein Wunder. Die Wirtschaftsberichte des FORMAT wurden dominiert von den Allegorien der "gierigen Neunziger“: von Mega-Deals und von 20-jährigen Dotcom-Millionären. Banker waren noch Helden.

Letzteres verdeutlicht, wie gravierend sich seither der Blickwinkel auf Kapitalismus geändert hat.

Das geschah noch nicht mit dem Platzen der Internet-Blase. Enron legte zwar eine spektakuläre Pleite hin, und an der Technologiebörse Nasdaq in New York gingen binnen kurzem Vermögenswerte von drei Billionen Dollar verloren. Von einer Systemkrise war trotzdem kaum die Rede. Die Internet-Hysterie erschien als vorübergehender Irrweg. Wahrscheinlich verstellte auch der 9/11-Schock den Blick aufs Grundsätzliche: das Wachstumselend in den sogenannten Industriestaaten.

Gut geschmiert durch die amerikanische Notenbank, fing die Maschine recht schnell wieder munter zu laufen an. Im Sommer 2007 verkündete John Chambers, der damalige Boss der Cisco-Konzerns, "den größten Boom der Geschichte“. Ein Jahr später folgte der größte denkbare Crash. Stichwort Lehman, die Geschichte ist bekannt.

Doch diesmal stellte sich urplötzlich die Erkenntnis ein, dass ein künstlicher Boom wie jener des US-Immobilienmarktes vielleicht gar keiner ist, wenn er auf Pump finanziert wird - und Banken die uneinbringlichen Kredite in die ganze Welt verkaufen. Dass eine der Realität entrückte Finanzwirtschaft ein Risiko ist. Und dass mit dem Wachstum möglicherweise etwas nicht stimmt, wenn Staatsschulden im gleichen Ausmaß steigen wie das BIP.

Seither ist das Problem erkannt: Die Wachstumsspirale lässt sich immer schwerer weiterdrehen! Unangenehmerweise haben aber weder Ökonomen noch politische Führer Alternativen parat. Weshalb wir uns seit fünf Jahren im Zeitalter der permanenten Ratlosigkeit befinden. Mehr noch als Vertrauensverlust und der Konflikt zwischen Arm und Reich ist das die Krise des Kapitalismus.

Auch diese Krise wird wieder mit billigem Geld und in vielen Staaten mit noch mehr Schulden bekämpft. Eine andere Strategie haben die Regierungen nicht zur Hand. Der Arbeitsmarkt bricht ohne Wachstum zusammen. Ohne Wachstum lässt sich auch das Eingeständnis, dass die Schulden nicht mehr beglichen werden können, nur schwer immer wieder in die Zukunft verschieben. Die Spirale wird also mühsam weitergedreht. Die Crashs werden in immer kürzeren Abständen folgen.

Der berühmte Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte in einem Aufsatz 1930 sinngemäß: Seine Enkel würden acht Mal so reich sein wie die damalige Generation. Der Kapitalismus habe dann seine Aufgabe erfüllt. Die Wirtschaft werde aufhören zu wachsen - und der Mensch in Europa und Amerika werde zufrieden sein.

Fast hatte Keynes Recht: Wir sind acht Mal so reich. Die Wirtschaft hört auf zu wachsen. Nur die Sache mit der Zufriedenheit funktioniert nicht recht. Weil noch keine Strategie gefunden ist, wie die auf unbedingtes Wachstum angewiesene Spielart des Kapitalismus angepasst werden könnte.

Öfter als um Super-Deals und Jung-Millionäre drehen sich die Geschichten im FORMAT jetzt um die Frage, ob sich das System behutsam reformieren lässt oder aber mit Getöse zusammenkracht.

- Andreas Lampl

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