Von der Werkbank zur Wirtschaftsmacht

Hannes Androsch, mit AT&S Großinvestor in China und Regierungskommissär für die EXPO 2010 in Shanghai, über die neue Rolle Chinas – und die Chancen für Österreichs Wirtschaft.

China kommt auf der Bühne der Weltwirtschaft und der Weltpolitik eine immer gewichtigere Rolle zu. Die Rettungsaktionen für in finanzielle Bedrängnis geratene europäische Staaten sowie der massive Aufkauf von US-Staatsanleihen haben dies aller Öffentlichkeit plakativ vor Augen geführt.

Das mit fast 1,5 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichste und flächenmäßig viertgrößte Land der Welt hat seit der 1978 von Deng Xiaoping eingeleiteten Öffnungs- und Reformpolitik einen gewaltigen, vielen nachgerade unheimlich gewordenen Aufholprozess vollzogen. Das „Reich der Mitte“, seit 1949 „Volksrepublik China“, belegt inzwischen mit einer Wirtschaftsleistung von knapp 6.000 Milliarden Dollar hinter den USA und der Eurozone bereits den dritten, knapp vor Japan gelegenen Platz.

Die Kraft des Aufschwungs resultiert vor allem auch aus den historischen Wurzeln einer der ältesten Kulturen der Welt, in der über fünf Jahrtausende hinweg ungeachtet aller Umstürze und Revolutionen Wissen angesammelt wurde. Hier finden wir eine der Erklärungen für den Erfolg des heutigen China; das ererbte Wissen bewahren und weiterentwickeln, mit Innovativem des Auslands kombinieren.

Exportmacht des 17. Jahrhunderts

Betrachtet man die Rolle Chinas in der Welt im historischen Kontext, so ist die heutige Entwicklung weit weniger überraschend als die Geschwindigkeit derselben. China war bis zum 18. Jahrhundert die führende Wirtschaftsmacht der Welt und lag in der Blütezeit im 17. Jahrhundert nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und technologisch weit vor Europa. China war damals bereits eine exportorientierte Wirtschaft, die eigene Porzellankollektionen für den europäischen Markt entwarf, Europa mit Seide und Tee versorgte, aber selbst wenig aus Europa brauchen konnte.

Erst als Europa durch die Entwicklung der Naturwissenschaften und den Beginn der industriellen Revolution wirtschaftlich an Terrain gewann und China durch den gewaltsam erzwungenen Opiumhandel in den wirtschaftlichen, aber auch kulturellen und politischen Niedergang getrieben wurde, änderten sich die Gewichtungen. Nach den Wirren des 20. Jahrhunderts fand China zu einem neuen Selbstverständnis, das seit mehr als 30 Jahren von Stabilität und kontinuierlichem Wirtschaftswachstum gekennzeichnet ist.

Im 21. Jahrhundert, das nicht von ungefähr schon jetzt als das „asiatische“ und „chinesische Jahrhundert“ bezeichnet wird, hat China begonnen, neben seiner Rolle als Weltwirtschaftsmacht auch die der politischen Großmacht und damit verbunden auch globale Verantwortung wahrzunehmen.

Problemfall Wanderarbeiter

Doch China steht auch im eigenen Land gigantischen Herausforderungen gegenüber. Der wirtschaftliche Aufstieg hat zwar die materielle Situation der gesamten Bevölkerung verbessert – jeder zweite chinesische Staatsbürger etwa telefoniert per Handy –, allerdings drohen gewaltige soziale Spannungen aus der zunehmenden Wohlstandsdiskrepanz zwischen den Küstengebieten und dem Landesinneren sowie der ungewissen Zukunft des Millionenheers der Wanderarbeiter.

Das soziale Gefüge ist durch die Kombination einer aufgrund der Ein-Kind-Politik alternden Bevölkerung mit gerade erst entstandenen Systemen sozialer Absicherung unter Druck. Zu einem Schlüsselthema wird zunehmend die Umweltsituation. China wurde zum größten Emittenten von Treibhausgasen, was durch die hohe Bevölkerungszahl, kombiniert mit stark wachsender Wirtschaft und damit verbundenem Konsum und Wohlstand, eine verschärfte Herausforderung darstellt. Hinzu kommt Ressourcenknappheit, die von bebaubarem Land über Wasser bis hin zu Rohstoffen reicht.

Neu entdeckte Green Targets

Das „neue“ China verschließt sich diesen vielfältigen Problemstellungen nicht. Im seit März 2011 gültigen zwölften „5-Jahres- Plan (der eher als „Planung“ bezeichnet werden sollte) werden die bisherigen wirtschaftlichen Wachstumsziele ergänzt durch „Green Targets“. Die ärmere Bevölkerung ist im Fokus sozialpolitischer Umverteilung, die Lebensqualität in den inzwischen von 670 Millionen Menschen bewohnten Städten soll gesteigert, der Konsum Richtung Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein gesteuert werden.

„Saubere“ Industrien werden als „Schlüsselindustrien“ speziell begünstigt. China sieht seinen Weg von der – umweltbelastenden – Rolle der Werkbank der Welt für wertschöpfungsniedrige (Export)produkte zu einer deutlich technologiestärkeren höherwertigen Produktion intelligenter, umweltfreundlicher Produkte. Nicht umsonst lautete das Motto der EXPO 2010 in Shanghai „Better City – Better Life“.

Um die global wichtigen Ziele bei Umwelt und Ressourcen zu erreichen, erwartet China von Europa eine verbesserte Zusammenarbeit. Der Schlüssel hierzu liegt bei Technologien, Forschung und Innovation, für die China im Gegensatz zu früher bereit ist seinen (finanziellen) Beitrag zu leisten, und die es auch verstärkt zu schützen bereit ist.

Chancen für Österreich

Diese neue Situation bietet der Wirtschaft in Europa – und speziell auch in Österreich – große neue Chancen. Waren es früher Produkte und Anlagen, dann vereinzelte Dienstleistungen, die unsere Exporte bestimmten, so können nun Gesamtkonzepte als neue Formen des Dienstleistungs-Know-hows angeboten werden, die in der Folge Warenexporte mit sich bringen. Die neuen Ziele Chinas setzen Energieeffizienz-, Mobilitäts-, Werkstoff- und Ressourcennachhaltigkeitskonzepte voraus. Auch für Umweltsanierung, Gesundheitswesen und die Sicherheit der Bevölkerung wird die Mitwirkung internationaler Partner unumgänglich sein.

Österreich, das vor genau vierzig Jahren diplomatische Beziehungen mit China aufnahm, hat hier einen mehrfachen Startvorteil. Einerseits verfügen wir durch angewandte, aber auch universitäre Forschung über einen hohen Wissensstand. Andererseits haben wir eine breite Erfahrung bei energieeffizienten und umweltfreundlichen Technologien, wie etwa im Kommunal- und Bausektor.

Die Chancen einer ganz neuen Qualität der Zusammenarbeit mit China sind gegeben – nun bedarf es des Handelns durch Politik und Wirtschaft.

- Hannes Androsch

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten