Von weniger Ungleichheit profitieren letztlich alle

Von weniger Ungleichheit profitieren letztlich alle

Warum gibt es keinen #aufschrei, wenn in Österreich Frauen bei der Bezahlung deutlich schlechter behandelt werden als Männer?

Der Schlüssel für die Zukunft jedes Landes und jeder Institution ist die Fähigkeit, die besten Talente zu entwickeln, zu halten und zu gewinnen.“ Mit diesen Worten leitet Klaus Schwab, Executive Chairman des World Economic Forum, den Global Gender Gap Report 2012 ein. Dieser Bericht untersucht geschlechtsabhängige Ungleichheiten in 135 Ländern. Österreich liegt aufgrund des nahezu gleichberechtigten Zugangs zu Bildung und Gesundheit an 20. Stelle, in Bezug auf Gehaltsgerechtigkeit allerdings nur an beschämender 70. Mädchen haben bessere Schulnoten, absolvieren rascher und erfolgreicher ihre akademische Ausbildung und verdienen in der Privatwirtschaft im Durchschnitt - gerechnet auf den Bruttostundenlohn - um 25,5 Prozent weniger als Männer. Ein Teil dieser Differenz ist durch frauenspezifische Berufswahl und -wege in schlechter bezahlten Branchen erklärbar. Und durch die Tatsache, dass Frauen in Spitzenjobs unterrepräsentiert sind. Selbst bereinigt um diese Faktoren, bleibt laut Wifo eine nicht erklärbare Differenz von 13,5 Prozent.

Frauenberufstätigkeit in Österreich ist primär Teilzeit, in schlecht bezahlten Berufen, gekennzeichnet durch niedrigere Aufstiegschancen und Gehalt, in der Folge geringe Pension und häufig verbunden mit Armut - typischerweise als alleinerziehende Mutter oder Pensionistin. Und dennoch - kein Aufschrei. Ausgelöst durch einen Artikel über die plumpe Anmache eines FDP-Politikers in Deutschland hat #aufschrei auch Österreich erreicht. Das Thema ist sexuelle Belästigung, vor allem im Beruf, die laut internationalen Studien zwei von drei Frauen betrifft, und die Heftigkeit der Debatte zeigt, wie sehr.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Sehr viel, weil die monetäre Ungleichbehandlung sowie die persönliche Abwertung Symptome für strukturelle und gesellschaftliche Ungleichheit sind. In Österreich, wie auch in Deutschland, leben wir in einer Gesellschaft, in der unbezahlte Arbeit in der Gesellschaft zu drei Viertel von Frauen übernommen wird. Die Hauptaufgabe der Kindererziehung liegt bei den Müttern, Karrierefrauen werden als Rabenmütter verunglimpft. Die gesellschaftlichen Rollenbilder fordern konservative Verhaltensmuster ein. Aus diesem Grund entstehen Rahmenbedingungen, die Frauen berufliche Chancengleichheit und Männern Chancengleichheit auf dem Familienterrain nicht ermöglichen.

Als Beispiel möchte ich die Debatte um die Ganztagsschule herausgreifen. Es ist wissenschaftlich x-fach untersucht und erwiesen, dass Ganztagsschule mit Integration von freien, kreativen und sportlichen Aktivitäten für den Lernerfolg der Kinder besser ist - und sie ermöglicht die Vollzeitberufstätigkeit beider Eltern.

In Österreich führen wir seit Jahren eine "ideologische“ Auseinandersetzung darüber, ob die Kinder nicht viel besser am Nachmittag bei ihren Müttern aufgehoben wären, und Legionen gut ausgebildeter junger Frauen hetzen sich zwischen Teilzeitberufstätigkeit, Hausaufgaben, Sport und Musikstunde ab, verdienen als alleinerziehende Mütter zu wenig, um sich und ihre Kinder zu erhalten, oder verzichten auf Familie - weil beides in Österreich schwer vereinbar ist und weil sie sich nicht permanent als Rabenmütter rechtfertigen wollen.

Ich wundere mich schon lange darüber, dass die österreichischen Frauen sich das gefallen lassen, und kann es mir nur damit erklären, dass bei den meisten die tradierten Rollenbilder über ihre Sozialisation in der Familie, aber auch in Kindergarten und Schule so gefestigt sind, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, diese infrage zu stellen.

Wir brauchen neue Rahmenbedingungen für Kinderbetreuung und Schule, Väterkarenz, Förderung der Wahl nicht frauentypischer Berufe, flexible Arbeitszeit für beide Elternteile, aber auch sehr dringend eine Diskussion über gesellschaftliche Rollenbilder.

Das wird schon lange diskutiert, Veränderungen passieren aber in einem Tempo, das in keiner Relation zur Dringlichkeit steht. Ein Trend, der hoffen lässt: Die Botschaft kommt auch in der Männerwelt zunehmend an. In der Sexismusdebatte involviert sich eine wachsende Anzahl von jungen Männern, die Frauen auf Augenhöhe begegnen möchten, weil von weniger Ungleichheit letztendlich alle profitieren.

- Gundi Wentner, Partnerin Deloitte Österreich, ist seit Anfang der 90er-Jahre im Consulting mit Schwerpunkt Human Capital tätig.

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