Von der Feudalherrschaft Superreicher in der Politik

Haben Milliardäre mit ihren transnationalen Organisationen, ThinkTanks, Medienkonzernen und Stiftungen die Welt übernommen?

Die Superreichen können ruhig schlafen. Ihre Vermögen sind so riesig, so weit verzweigt, so gut platziert und auch so gut versteckt, dass dieser Planet schon zerplatzen müsste, damit auch sie nur noch im Hemd dastünden.

In den Vereinigten Staaten zum Beispiel vereinen die obersten fünf Prozent der Bevölkerung sechzig Prozent des nationalen Reichtums auf sich. Damit aber nicht genug. Das oberste eine Prozent ist in den letzten zwölf Jahren noch einmal dramatisch reicher geworden als die folgenden vier Prozent. Und die obersten 0,25 Prozent dieses einen Prozents schließlich heben finanziell noch schneller ab, als die folgenden 0,75 Prozent.

419-mal mehr als seine Arbeiter verdient inzwischen im Durchschnitt der CEO eines großen amerikanischen Konzerns: 10,7 Millionen Dollar jährlich. Sein Gehalt stieg 1998 um 36 Prozent, der Lohn eines Facharbeiters um 2,7 Prozent. Noch anders steht es um die Superreichen, also die Schicht oberhalb der CEOs.

Die Grenze zwischen reich und superreich liegt bei rund 500 Millionen Dollar frei verfügbarem Vermögen (also abzüglich selbst genutzter Immobilien, zum Lebensstil gehörender Güter wie Autos oder Yachten). Das bedeutet, dass weltweit rund 10.000 bis 20.000 Superreiche leben. Unter ihnen sind (die Schätzungen gehen auseinander) ungefähr 3.000 Milliardäre.

Die herkömmlichen politischen Systeme als solche werden angesichts der wachsenden Macht der Superreichen immer bedeutungsloser. Die Geldeliten verselbständigen sich. Und es stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft mit diesen Superreichen, die fast wie Aliens unter uns leben, umgehen soll. Wie nützlich sind Milliardäre?

Milliardäre bestimmen mittels eines Geflechts von Stiftungen und Organisationen das Bildungswesen ganzer Länder. Ihnen gehören Privatuniversitäten, große Teile des Gesundheitswesens, die wichtigsten Zeitungs-, Fernseh- und Filmkonzerne. Sie verfügen über Privatarmeen, wissenschaftliche Berater, Kunst- und Kulturstrategen. Politiker werden ohne große Umstände "eingekauft“.

Ein amerikanischer Präsident ist wahrscheinlich billiger zu haben als eine Siebzig-Meter-Luxusyacht. Unter der Überschrift "Der gekaufte Präsident“ schrieb etwa die "Süddeutsche Zeitung“: "Es wäre naiv, zu glauben, dass ein Kandidat oder eine Partei Millionen sammelt, um anschließend nur die eigenen Ideale und Programme zu verfechten.“ Ein Wahlkampf, der auf Geld gebaut ist, lässt einem zukünftigen Präsidenten gar keine andere Wahl, als sich letztlich erkenntlich zu zeigen.

Immer öfter verlagern die Milliardäre der Welt ihre Interessen auf diese Weise in die Politik - und auf die Politiker.

Aber nicht nur die Politik, auch die Finanzmärkte werden mehr und mehr zur Spielwiese der Superreichen für das Ausüben von Macht. Dort wird derzeit die Parole ausgegeben: "In den nächsten zehn Jahren in Verbrauchsgüter, in Rohstoffe, seltene Metalle, Phosphor und so weiter und so weiter investieren.“

Aber beginnen die Finanzmärkte damit nicht, den Naturhaushalt entscheidend und umfassend zu kontrollieren und damit von einer fiktiven zur realen Macht zu werden? Werden die Kapitalisten grün, oder wird das Grüne kapitalistisch? Wie entwickelt sich das globale Planungsnetzwerk der transnationalen Konzerne und der dazugehörigen Organisationen, Think-Tanks, Stiftungen? Welche Differenzierungen finden innerhalb der beteiligten Konzern-, Finanz- und Wissenseliten statt? Deuten sich innerhalb der Funktionseliten anti- oder transkapitalistische Tendenzen an?

Abschließend stellt sich also die Frage: Haben Milliardäre überhaupt eine legitime politische Rolle in der Welt? Kann man nur entweder Geld machen oder Mensch sein? Der amerikanische Ökonom J. Bradford DeLong, der sich sehr nüchtern mit dem Thema auseinandergesetzt hat, meint: "Eine extrem ungleiche Gesellschaft ist eine hässliche Gesellschaft.“

Jedenfalls wäre eine neue Feudalherrschaft Superreicher in der Politik tausendmal brutaler als die aristokratische zu Zeiten der Französischen Revolution.

- Hans-Jürgen Krysmanski lehrte an der Universität Münster Soziologie.