Vom Stellenwert des Sports für Politik & Wirtschaft: Von Vancouver bis Südafrika

"Das Duell ­zwischen der Schweiz und Österreich ­basiert auch auf rationalen Motiven"

Ein sportliches Großereignis jagt das andere: Knapp vier Monate nach den Olympischen Winterspielen in Vancouver startet an einem anderen Ende der Welt die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Ein früher Lokalaugenschein dort (mehr darüber in einer unserer nächsten Ausgaben) dokumentiert den immensen Stellenwert, den ein solch global angelegter Event für die wirtschaftliche und politische Entwicklung eines Landes hat.

In diesem Fall noch ein wenig mehr als in anderen: Süd­afrika ist in seiner jetzigen Form ein ungeheuer junges (in ­jeder Hinsicht), ungeheuer hungriges (in mehrfacher Hinsicht) und ungeheuer dynamisches (in mancher Hinsicht) Land. Es traf sich gut, dass sich während meiner Anwesenheit jener Tag zum 20. Mal jährte, an dem Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft sein Gefängnis auf Robben Island verlassen konnte. Die einschlägigen Feiern für den nun 92-Jähigen unterstrichen den immensen Stellenwert, den er als Symbolfigur für das neue, versöhnte Südafrika noch immer hat. Die Festrede seines nicht nur wegen seiner Frauen- und Kinderaffären umstrittenen Nach-Nachfolgers Jacob Zuma im Parlament wurden allein von der Präsenz Mandelas überstrahlt – und von jener seines weißen Partners Frederic De Klerk, mit dem er das Erbe der Apartheid überwinden und dafür den Friedensnobelpreis in Empfang nehmen konnte.

In diesem Zusammenhang eine ressortunzu­ständige Empfehlung: Sehen Sie sich den eben in Österreich anlaufenden Film „Invictus“ von Clint Eastwood an, mit Morgan Freeman als Mandela. Er beleuchtet die Rolle des Sports als Politikum: Wie Mandela 1995 den Siegeszug des (traditionell „weißen“) südafrikanischen Rugbyteams während der Weltmeisterschaft in Südafrika nutzte, um die Versöhnung zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung des Landes zu forcieren. Eine Parallele zur derzeitigen Situation, nur umgekehrt: Die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land soll dazu dienen, den traditionell „schwarzen“ Sport in Südafrika auch jenen nahezubringen, welche eher für Cricket oder Rugby schwärmen.

Noch entscheidender für Südafrika sind die internationalen Signale, die bereits vor der WM ausgesendet werden. Im ganzen Land spürt man die Zuversicht der Einheimischen, die große Begeisterung, das wachsende Selbstbewusstsein. Weniger sportlich (das eigene Team wird eher schwach eingestuft, man hofft auf die anderen afrikanischen Teams) als wirtschaftlich: Die ausländischen Besucher sollen nachhaltig als Touristen gewonnen werden (das Land hätte es sich verdient). Und dass die Stadien bereits länger fertiggestellt sind, ist keine Selbstverständlichkeit – Polen und die Ukraine, Veranstalter der Europa­meisterschaft 2012, werden froh sein, könnten sie Ähnliches in eineinhalb Jahren stolz bilanzieren. Noch hinken manche Infrastrukturverbindungen etwas hinterher – aber niemand zweifelt gänzlich an ihrem rechtzeitigen Funktionieren.
Bleibt das Sicherheitsproblem, das die Hauptverantwortung dafür trägt, dass der Kartenverkauf noch etwas zögerlich läuft. 200.000 Polizisten sollen aber dazu beitragen, dass sich die erhofften zwei Millionen ausländischer Besucher (die Hälfte scheint eher realistisch) so wie die Vorberichterstatter jetzt ­sicher fühlen können. Die Hauptgefahr eines terroristischen Anschlages kann vor keinem internationalen Großereignis gänzlich ausgeschlossen werden – ein globales Problem, kein südafrikanisches.

In Kanada geht es klarer um wirtschaftliche Inter­essen, hier muss sich keine junge Nation etwas beweisen. Mit zwei Ausnahmen, könnte man nach den ersten Tagen der Spiele meinen. Das „Duell“ zwischen Österreich und der Schweiz wird zwar bisweilen leicht hysterisch-chauvinistisch ins Groteske übersteigert (warum ein Zwölf-Hundertstel-Rückstand auf eine Medaille „unsere“ National­ehre schmälern sollte, bleibt ebenso unerklärlich wie deren angebliche Rettung durch einen „silber­nen“ Langläufer mit einem Gewehr auf dem Rücken) – ­wurzelt in beiden Fällen wohl aber auch in rationalen Motiven: In beiden Ländern spielt der Wintertourismus (vermittelt durch den Wintersport) eine besonders wesentliche Rolle für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, bei uns noch ein Stückchen mehr. Dem neuen ÖOC-Chef Karl Stoss (nicht nur ihm) ist zu wünschen, dass es keine Dopingfälle à la Turin gibt – und er die neu aufkochenden Sumpfblasen einer früheren Ära ­aufstechen und dann trocken legen kann.

Beide „Seelen“, die rot-weiß-rote wie die rot-weiße, benötigen Balsam. Zwar sind die Zeiten nationaler Identitätsfindung durch den Sport à la Südafrika vorbei (in Österreich wurde das nach 1945 etwa durch Toni Sailer 1956 symbolisiert), ­speziell die in Europa ein wenig isoliert wirkende Schweiz hat aber neue Probleme. Dem Land ohne künftige Steuersünder sei der vorläufige (?) Vorsprung in Sachen Wintersport und Fußball (DIE sind in Südafrika nämlich dabei) also durchaus gegönnt. Zumindest scheinbar.

pelinka.peter@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten