Vier Verstaatlichungen und ein Todesfall

Lange Zeit vertrauten Investoren auf das Motto „Too big to fall“. Die riesigen Tanker der Finanzindustrie galten als letztlich unsinkbar, weil notfalls der Staat als Retter einspringen würde. Viele Male bekamen die Optimisten auch Recht. Der britische Hypothekenfinanzierer Northern Rock wurde genauso verstaatlicht wie die US-Giganten Fannie Mae und Freddie Mac, die das Geld für jedes zweite Haus in Amerika leihen. Auch bei der AIG, der größten Versicherung der Welt, funktionierte die alte Anlegerregel noch. Die Aktionäre verloren zwar einen Großteil ihres Vermögens, aber die Anleihen und sonstigen Verbindlichkeiten der Finanzinstitute behielten ihren Wert. Doch seit dieser Woche ist alles anders: Das tradi­tionsreiche Unternehmen Lehman Brothers wurde vom amerikanischen Staat fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Die Verluste bleiben nicht nur bei den Banken hängen, sondern auch bei Hunderttausenden Privatanlegern, darunter auch zahlreichen Österreichern.

Lehman im Kleingedruckten.
Viele Kunden werden noch gar nicht bemerkt haben, dass ihr Garantieprodukt nicht von Allianz & Co gemanagt wurde, sondern von irgendeiner Tochter von Lehman. Und Lehman ist nicht der einzige Garantiegeber, den es erwischen könnte. Hinter vielen auch in Österreich vertriebenen Produkten steckt irgendeine Tochter eines internationalen Finanzin­stituts auf einer Karibikinsel mit ein paar Tausend Dollar als Grundkapital. Ähnlich wie im Fall Meinl European Land hat sich bisher fast niemand für das Kleingedruckte interessiert, in dem die Details offengelegt werden müssen. Das rächte sich bei der MEL, jetzt werden die Anleger bei Lehman geschröpft. Einzige Hoffnung ist, dass der österreichische Gegenpart anders als die Meinl Bank aus Kulanz die Verluste übernimmt, um seinen guten Namen nicht zu beschmutzen.

Nur das kaufen, was man wirklich versteht.
Viele Produkte für Privatkunden sind heute so kompliziert, dass selbst gestandene Banker sie nicht mehr verstehen. Damit man nicht am Ende draufzahlt, sollte man als Lehre aus dem Lehman-Desaster nur noch Produkte zeichnen, die man wirklich versteht. Wenn man auf Nachfragen ­keine klaren und überzeugenden Antworten über die Funktionsweise bekommt, dann sollte man lieber die Finger davon lassen.
Ganz wichtig ist auch der Blick auf die Bonität des Emittenten. Das gilt nicht nur bei Garantieprodukten, sondern auch bei ganz gewöhnlichen Börsezertifikaten. Anders als Investmentfonds sind die Produkte kein konkurssicheres Sondervermögen, sondern gehören im Fall der Fälle zur Konkursmasse. Das erfolgreichste Zertifikat kann weitgehend wertlos werden, wenn die Bank, die hinter dem Produkt steht, insolvent wird. Und keine Bank der Welt ist 100-prozentig sicher. Selbst ein wirklich solides Institut kann durch einen insolventen Geschäftspartner unverschuldet in Mitleidenschaft gezogen werden. Deshalb sollte man zur Vorsicht nicht alles Geld auf einen Emittenten setzen, sondern das Kapital breit streuen.
Und schließlich sollte man das gute alte Sparbuch nicht vergessen: Hier sind auf jeden Fall 20.000 Euro von der Einlagensicherung abgedeckt.

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