Vernichten Zinsen den Wert unserer Zukunft?

Vernichten Zinsen den Wert unserer Zukunft?

Viele Menschen haben Angst um ihren Lebensstandard und versuchen für drohendes Unheil vorzusorgen. Dabei machen sie den gleichen Fehler, den man auch den Anhängern der rigiden Sparpolitik in Europa unterstellen kann: Sie verwechseln „Tauschmittel“ mit „Wertvoll“ und „Wachstum“ mit „Wert“.

Der Goldpreis ist zuletzt massiv eingebrochen, die Europäische Zentralbank denkt über „Strafzinsen“ für Zentralbankeinlagen nach, senkt den Leitzins und druckt noch mehr Geld. Die Federal Reserve Bank und die Bank of Japan machen das schon länger. Die Arbeitslosigkeit in Europa ist enorm und steigt weiter. Die Deflation ist über Griechenland jetzt endgültig in Europa angekommen. Die Spannungen zwischen den „armen“ und „reichen“ Völkern innerhalb der EU werden stärker, genauso wie zwischen den armen und reichen Bürger innerhalb der Staaten selbst.

Viele Menschen haben Angst um ihren Lebensstandard und versuchen für drohendes Unheil vorzusorgen. Dabei machen sie den gleichen Fehler, den man auch den Anhängern der rigiden Sparpolitik in Europa unterstellen kann: Sie verwechseln „Tauschmittel“ mit „Wertvoll“ und „Wachstum“ mit „Wert“.

Ein Beispiel: Ich sitze auf einem riesengroßen Stück Ackerfläche, das ich von meiner Großmutter geerbt habe, weil „der Grund ja etwas wert sei“. Meine zwei linken Hände taugen jedoch vielleicht zum Bedienen einer Tastatur, aber sicher nicht zum Bedienen einer Ackerfläche. Ich brauche also zumindest einen Menschen, der mit dem Acker etwas anzufangen weiß. Der Bauer von nebenan will auf meinem Acker Kartoffeln anbauen. Wenn ich halbwegs klug bin, verpachte ich ihm meinen Acker gegen einen fixen Prozentsatz an den geernteten Kartoffeln, wenn nicht, verkaufe ich ihm den Acker gegen Geld. Denn die vom Bauern gezogenen Kartoffeln sind in diesem Beispiel das einzige, was wirklich wertvoll ist; die kann man nämlich essen. Mein Acker und seine Arbeitskraft werden hingegen nur gemeinsam „wertvoll“.

Ganz egal, wie es Kommentatoren aus Politik oder Finanz- und Wirtschaftswelt hinzustellen versuchen – Wirtschaft ist weder kompliziert, noch eine Wissenschaft, genauso wenig, wie das Finanzsystem. Das Problem ist und bleibt, dass etwas nachhaltig Wertvolles ausschließlich durch menschliche Arbeitskraft geschaffen werden kann. Sämtliche Tauschmittel wie Geld oder Gold dienen lediglich der Vereinfachung der Wertschöpfungskette, aber sie sind selbst nicht „werthaltig“. Aus dem gleichen Grund gebühren Banken angemessene Entgelte für die Dienstleistung, die sie erbringen, wenn sie den Geldfluss koordinieren, aber keine Zinsen für Gelder, die sie verleihen.

Gehen wir der „Werthaltigkeit“ einmal auf den Grund: Die menschlichen Grundbedürfnisse lassen sich reduzieren auf: Luft, Wasser, Nahrung und Unterkunft. Wenn davon gesprochen oder geschrieben wird, dass Inflation „notwendig“ sei um genügend „Wachstum“ zu schaffen, bedeutet das lediglich, dass man immer mehr Tauschmittel (=Geld/Gold) benötigt, um den gleichen tatsächlichen „Wert“ zu erhalten, was einzig und alleine der Zinsbedienung geschuldet ist. Müssen keine Zinsen bezahlt werden, benötigt man auch keine Inflation. Die Wohnung wird „teurer“, bleibt aber gleich groß; der Liter Milch wird teurer, bleibt aber genau ein Liter; das Kilogramm Kartoffeln ebenso, und so weiter. Kurzum: Durch geldmengeninduziertes „Wachstum“ werden keine Werte geschaffen, sondern Zinsen bezahlt. Geld kann nicht arbeiten, gleiches gilt für Gold, Silber, Kaurimuscheln – für sämtliche Tauschmittel, die man nicht atmen, trinken, essen oder in denen man nicht wohnen kann.

Wer sein Erspartes bewahren möchte, wer sich darüber Gedanken macht, wie er sich im Alter absichern kann, sollte diese Tatsache beherzigen. Eine Wohnung oder ein Haus, eine Holzhütte im Wald oder ein Wohnwagen werden unter normalen Umständen auch noch in fünfzig Jahren den gleichen Schutz vor der Witterung bieten wie heute. Auf einem Acker wird man immer etwas Essbares anbauen können, wenn man genug Saatgut und helfende Hände hat. Kinder sind durch ihre zukünftige Arbeitskraft gesellschaftlich betrachtet einer der erheblichsten „Werte“ und sollten entsprechend gefördert werden.

Die Sorge, die viele Bürger derzeit verspüren, ist berechtigt. Allerdings würde die (Rück-)Besinnung auf einfache Tatsachen genügen, um auch die gegenwärtige Krise meistern zu können. Makroökonomisch wären massive staatliche Investitionen in den Wohnbau, die Bildung, die Kinderbetreuung, die Forschung im Nahrungsmittelbereich notwendig (Stichwort: Bienensterben), ebenso wie spürbare Lohnerhöhungen und Lohnsteuersenkungen in allen noch „starken“ Euro-Ländern. Und ein Zinsverbot. Denn wenn wir Tauschmittel ansparen, schaffen wir damit keinen Wohlstand und bewahren auch keine Werte für die Zukunft.

Für den Einzelnen bedeutet das, vorhandenes Geld in wirklich Werthaltiges zu investieren. Zum Beispiel direkt in Unternehmen, die durch die Arbeitskraft ihrer Mitarbeiter tatsächliche Werte erschaffen (Dividenden sind Anteil an einem realen Ertrag, keine Zinsen); oder in Ackerfläche; oder Wohnraum; oder die Ausbildung der Kinder. Deshalb ist im Zweifel Aktien der Vorzug vor Edelmetallen zu geben, der eigenen Weiterbildung der Vorzug vor dem Sparbuch, Grund und Boden der Vorzug vor Staatsanleihen und dem Auslandssemester der Kinder der Vorzug vor einem Bausparvertrag für sie. Denn Werte bewahrt und schafft man nur durch menschliche Arbeitskraft, nicht durch das Verleihen von Tauschmitteln.

Zum Autor
Philipp Marouschek (1978), studierte Rechtswissenschaften in Wien und Innsbruck. Er lebt und arbeitet als Schriftsteller in Berlin .

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten