Vernetzte Republik - bitte warten!
Wunschzettel für die Regierung

"Die Gebührenbefreiung für sozial benachteiligte Gruppen sollte rasch auf Breitband-Internet ausgedehnt werden.“

Bei der von der neuen Bundesregierung geplanten Initiative zur Bewältigung der Wirtschaftskrise dürfen das Potenzial des Internets und die Bedeutung moderner Telekommunikationsinfrastruktur für die Zukunft unseres Landes nicht vergessen werden. Schließlich sind moderne Kommunikationslösungen und „Collaboration Tools“ – wie etwa die Videotelefonie – bereits heute ein entscheidender Produktivitätsfaktor und damit treibender Innovationsmotor. Praktisch jedes Wachstum hängt unmittelbar mit moderner Telekommunikations-infrastruktur und ihrer Verfügbarkeit für die gesamte Bevölkerung zusammen.

Es ist weder Zufall noch besondere Sympathie für das Netz, dass der gewählte Präsident der USA, Barack Obama, beim Aufbau einer neuen Wirtschaft stark auf das Internet setzt. „Zu wenige Amerikaner sind darauf vorbereitet, an der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts teilzunehmen“, meint Obama in seinem Wirtschaftsprogramm und hat zur Lösung ein umfangreiches Maßnahmenpaket vorgelegt. Dieses reicht vom Amt 2.0 über die Förderung neuer Medien bis zum Ausbau von schnellem Breitband-Internet für die gesamte Bevölkerung.

● Ein Programm, das in dieser Klarheit auch Österreich nicht schaden würde: Nur etwa die Hälfte der österreichischen Haushalte hat heute einen Breitband-Internet-Zugang über das Festnetz – wir belegen damit den elften Platz innerhalb der Europäischen Union.

● Zum Vergleich: In den Niederlanden haben drei Viertel der Bevölkerung einen schnellen Internet-Zugang. Der Rückstand Österreichs bei neuen Technologien findet sich aber nicht nur im Privaten. Auch die Wirtschaft und die öffentliche Hand haben Aufholbedarf.

Alle namhaften Experten im IT-Bereich sind der Ansicht, dass die flächendeckende Nutzung von schnellem Breitband-Internet gerade jetzt gefördert werden muss. Das ist nicht nur für die Wirtschaft besonders relevant, sondern auch bildungs- und arbeitsmarktpolitisch eine wichtige Investition in unsere Jugend – und damit in unsere Zukunft.

Was kann man sofort tun? Um die Nutzung der heute verfügbaren Technologien allen Österreicherinnen und Österreichern zu ermöglichen, sollte die Gebührenbefreiung für sozial benachteiligte Gruppen im Bereich Telefonie rasch auf Breitband-Internet ausgedehnt werden. Freie Internet-Zugänge in allen Gemeindeämtern, Gemeindebauten, Bibliotheken und auf Bahnhöfen würden dazu beitragen, Österreichs Weg in eine moderne Gesellschaft zu beschleunigen.

Neben der Technologie-Ebene ist es wichtig, die Gesellschaft kulturell auf die „3.0-Welt“ vorzubereiten: Damit das Netz von den Menschen auch eingesetzt werden kann, stehen Maßnahmen im Bildungswesen an. Sie reichen von neuen Unterrichtsformen im Schulwesen über „Experimental Labs“, in denen der kreative Einsatz des Netzes gefördert wird, bis zu Beratungsschecks für Klein- und Mittelbetriebe, mit denen Expertenwissen zur wirtschaftlichen Nutzung des Internets abgerufen werden kann. Der Schlüsselbegriff, um das Netz im Privaten, in Wirtschaft, Forschung und Kunst produktiv nutzen zu können, ist „Collaboration“ – die Fähigkeit, über die eigenen (Fach-)Grenzen hinweg mit anderen zusammenzuarbeiten. Das Netzwerk ist nur die Plattform, auf der die Menschen in einer Weise gemeinsam arbeiten, die bis vor kurzem noch undenkbar war.

Mit den genannten Maßnahmen würde sichergestellt, dass Österreich innerhalb Europas nicht zum neuen „Tal der Ahnungslosen“ wird. Im 267 Seiten starken neuen Regierungsprogramm kommt das Wort Internet allerdings nur ganze fünfmal vor – davon dreimal im Zusammenhang mit Kriminalität und Datenmissbrauch. Hier muss unbedingt rasch nachgebessert werden. Selbst die Forderung der IT- und Telekom-Branche nach klaren Zuständigkeiten und einem Staatssekretariat für Informationstechnologie und Internet hat kein Gehör gefunden.

Damit Österreich in Zukunft als Wirtschaftsund Bildungsstandort erfolgreich und international wettbewerbsfähig sein kann, brauchen wir dringend ein politisches Umdenken. Ein erster Schritt dazu ist eine zentrale IT-Koordination mit entsprechendem Einfluss auf Regierungsebene. Es ist an der Zeit, die vielen bestehenden Konzepte und Ideen zusammenzuführen und umzusetzen. Barack Obama wird sich einen CTO (Chief Technology Officer) in die Regierung holen. Der weiß, dass es für einen echten „Change“ eine zentrale Stelle braucht.

Wir brauchen in der derzeitigen Wirtschaftslage ein klares Bekenntnis der Politik, dass Investitionen in die IT-Infrastruktur einen wesentlichen Bestandteil der Konjunkturförderung darstellen. Nur damit kann sichergestellt werden, dass Österreich – nach Überwindung der aktuellen Wirtschaftskrise – als Wirtschaftsstandort und bei der Nutzung moderner Technologien wieder zum Spitzenfeld aufschließt.

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