Vancouver mon amour? Hans Magenschab
über Patriotismus & die olympischen Spiele

Am Anfang dieser Spiele stand das Siegesgeschrei der Schweizer Fans, als hätten sie gerade die Schlacht von Sempach gewonnen – in der 1386 eidgenössische Bauern die habsburgischen Ritter von den Pferden zerrten. Und gegen Ende der Spiele ging es bei deutschen Privatsendern so zu, als stünde man vor Königgrätz und die Preußen würden mit ihren besseren Gewehren die Ösis abschießen. Nun sind die Duelle um Medaillen sehr wohl Positionskämpfe – und zwar um das Ski-Business.

Es gehört gesagt, dass 1971 die Gründung des Österreichischen Ski-Pools eine grandiose Idee des legendären Kammerpräsidenten Rudolf Sallinger war, dem Kanzler Bruno Kreisky beisprang. Seit damals müssen sich unsere Olympioniken nicht genieren, vorne mitzumischen. Man sollte aber auch 39 Jahre danach zur Kenntnis nehmen, dass wir ein Land vielfältiger Lustbarkeit sind – zum Beispiel in der Kultur. Sport ist eben nur ein Teil von Lebensqualität. Und würden unsere Damen und Herren Sportredakteure den Erwartungsdruck nicht so banal hochschrauben, käme es auch nicht zu fragwürdigen Hoffnungen bei den Sportlern. Denn die gröbste Täuschung ist die Ent-Täuschung.

Ebenso sollte man im Hinblick auf den politischen Chauvinismus bei 0lympischen Spielen nicht blauäugig sein. Schon als 1936 ein gewisser Adolf H. im Schneegestöber von Garmisch-Partenkirchen die vierte Winterolympiade eröffnete, wurde der internationale Medaillenspiegel zum wichtigsten Kriterium für Erfolg oder Misserfolg. Blamage nur für Nazideutschland: Sportler aus dem bevölkerungsarmen Norwegen errangen damals mehr als doppelt so viele Goldmedaillen wie jene aus der deutschen Riesenmannschaft. Garmisch vorgestern, Vancouver heute: Der Öffentlichkeit wird noch immer eingeredet, dass Athleten nicht einsam für sich selbst um Kopf und Kragen fahren, sondern für einen edlen Zweck, fürs schöne Vaterland; untermalt mit patriotischem Fahnenspiel und kollektivem Pathos. Dann fließen sogar Tränen, wenn Hymnen erklingen. Aber wie steht es etwa mit den skandalösen Texten vieler Hymnen? Noch immer singen etwa die Italiener ein Schlachtlied aus dem Risorgimento: „Der österreichische Adler hat schon die Federn verloren, das Blut Italiens … hat er … getrunken.“ Noch skurriler der Text der Marseillaise, die Rouget de Lisle sechs Tage nach der Kriegserklärung Frankreichs an Österreich im April 1792 erstmals vorgetragen hat: „Hört ihr im Land das Brüllen der feindlichen Soldaten? Sie rücken uns auf den Leib, um eure Söhne und Frauen zu köpfen …“

Nun beschrieb im letzten FORMAT (7/10) Peter Pelinka eindrucksvoll eine Reise nach Südafrika – wo bekanntlich die nächste Fußball-WM stattfinden wird. Und er berichtet, wie sehr dort der Sport einer Nation wachsendes Selbstbewusstsein, Begeisterung und Zuversicht vermitteln kann.

Was freilich in der ersten und zweiten Welt kaum noch der Fall ist. Unschwer ist vielmehr vorherzusagen, dass der sportliche wie kommerzielle Wettbewerb von Jahr zu Jahr härter werden wird. Da warten die Europäer und Nordamerikaner dann wie Voyeure auf den nächsten Sturz eines Abfahrers bei 120 km/h; und fragen, warum ein Skiflug bei 239 Metern noch gut gegangen ist. Dann ist da das Kommerzielle: Wie sehr kann denn die österreichische Brettl-Branche noch von österreichischen Siegen profitieren – selbst wenn die Sportler die Markennamen ihrer Skifirmen wie eh und je in die Kamera halten? Wie viele Arbeitsplätze sichert mittlerweile das Sport-Investment in Zeiten wie diesen?

Erstens, was die Zukunft anlangt: Gibt es vielleicht bereits einen natürlichen Sättigungsgrad beim Wintersport-Schauen? Wie langweilig ist es, stundenlang vermummte Figuren downhill rasen zu sehen – ohne als Laie Hundertstelsekunden wahrnehmen zu können? Ähnliches gilt für die Gleichartigkeit der Bewegung beim Skispringen. Und Langlaufen war im Grunde schon immer eine fade Rutscherei. Andererseits: Die neuen Ski- Cross-Disziplinen haben es in sich. Liegt also die Zukunft in der Akrobatik?

Zweitens ist es eine Tatsache, dass immer weniger Menschen auf die Pisten drängen. Nicht weil das Reisen zu den Wintersportgebieten auf verstopften Autobahnen von Jahr zu Jahr mühsamer wird, sondern weil Hotels, Liftgesellschaften und Skischulen immer unverschämtere Preise fordern.

Drittens ist Skifahren nur mehr sehr beschränkt eine gesundheitspolitische Vorsorge in frischer Luft. Es gibt von Jahr zu Jahr mehr Unfälle – und diese sind tendenziell folgenschwerer als früher.

Viertens: Was es bekanntlich auch geben soll, das ist das Doping. Waren wir bei den Spielen von Turin wirklich alle rotweiß- rote Unschuldslämmchen?

Fünftens: Wie ist es mit der potenten Ski- und Zubehörindustrie Österreichs? Ist sie noch eine technologische Know-how- Schmiede? K2-Ski werden zum Beispiel in China erzeugt. Während die feschen alten Herren Kneissl, Rohrmoser und Fischer längst Skilegende sind.

Schließlich könnte die Zukunft aber auch so eintreffen, wie sie uns die Meteorologen vorhersagen – mit einer dramatischen Erwärmung der nördlichen Erdhalbkugel. In diesem Jahr hat zwar der Schnee in den Alpen ausgereicht, in Vancouver war er zum Großteil aber bereits künstlich. Sodass sich letztlich die Frage nach der Zukunft Olympias von selbst beantwortet: Wir arrangieren Ersatzspiele im Eisstockschießen; und das im nördlichen Grönland.

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