Stephan Klasmanns „querformat“: Die große Umwelt-Heuchelei

Die Zerstörung der Umwelt ist egal, wenn es nicht die eigene ist.

Irgendwie geht das nicht zusammen. Die USA sind die mit Abstand größten Verbraucher von Erdöl. Andererseits fordert deren Präsident angesichts der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko dort ein Verbot neuer Ölbohrungen. Auch im Europäischen Parlament fordern manche Abgeordnete einen Bohrstopp in der Nordsee. Trotzdem rechnet die Internationale Energieagentur damit, dass der Ölverbrauch in den nächsten fünf Jahren von derzeit 84 Millionen Fass pro Tag auf 94 Millionen Fass steigen wird. Das Öl wird also von irgendwoher kommen müssen. Am besten von möglichst weit weg, weil dann haben wir keine Scherereien damit, wenn wieder einmal ein Rohr platzt.

Bei allem Verständnis dafür , dass die Bilder der verendenden Pelikane und ölverschmierten Schildkröten zu Herzen gehen, ist das plötzlich erwachte Mitleid mit der Natur dennoch eine einzige Heuchelei. Der Mensch beutet die Ressourcen der Erde seit Jahr und Tag mit ignoranter Brutalität aus. Seien es die Quadratkilometer großen Kohleflötze in China, die unkontrolliert in Flammen stehen, die Verwüstung ganzer Landstriche durch den Abbau von Ölsanden im Grenzgebiet zwischen USA und Kanada oder die permanente Verschmutzung des Niger-Deltas durch Öl-Multis wie Shell. Wann hat sich denn je ein westlicher Politiker dafür interessiert?

Jetzt aber, wo an den Ferienparadiesen und Alterssitzen reicher Amerikaner hässliche schwarze Klumpen angeschwemmt werden, da werden Obama & Co plötzlich sentimental. Wenn wir in unserer hochmütigen Arroganz den Afrikanern die Umwelt versauen, dann hat das bisher kaum jemanden gestört – ein paar mutige NGOs selbstverständlich ausgenommen.

Der diese Woche veröffentlichte UN-Umweltbericht kommt zum Ergebnis, dass die 3.000 größten Unternehmen der Welt jährlich Umweltschäden in der Größenordnung von 1,7 Billionen Euro anrichten: durch Abholzung und Brandrodung, Verschmutzung der Meere, Verseuchung der Böden, Ausrottung unzähliger Tier- und Pflanzenarten. Zweites Ergebnis der Studie: Den betreffenden Konzernen ist das gleichgültig, weil diese Kosten von Bürgern und Steuerzahlern getragen werden, aber ihr Geschäft keineswegs beeinträchtigen.

Die Wahrheit ist: Den allermeisten Menschen und den allermeisten Unternehmen ist die Zerstörung der Umwelt völlig egal, solange es nicht ihre eigene ist und solange sie nichts kostet. Die Deepwater Horizon ist quasi das Tschernobyl der Ölindustrie. Und so, wie sich die Katastrophe in der Ukraine bislang nicht wiederholt hat, so ist auch zu erwarten, dass durch höhere Sicherheit und mehr Kontrollen diese desaströse Panne im Golf von Mexiko ein Einzelfall bleiben wird.

Aber was ist mit all den anderen Umweltsünden, die abseits von TV-Kameras und Tagespresse kaum ein Echo in unseren Medien finden? Die Regenwälder brennen weiter, die Meere werden leer gefischt, die Wüstenbildung schreitet fort. Genau jetzt, während Sie diese Zeilen lesen.

Deepwater Horizon ist überall aber wir schauen nicht hin.

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten