Türkei am Scheideweg – Bürgerkrieg oder Reformsieg?

Kreisky - Trouble

Erwin Schrott - Rojotango

Augenzeuge vor Ort

Für Markus Piuk, Anwalt der Kanzlei Schönherr in Istanbul, steht das Wirtschaftswachstum der Türkei auf dem Spiel.

Vom Fenster eines Besprechungszimmers unseres Büros im Istanbuler Stadtteil Nişantaşi aus konnte man in den vergangenen Tagen immer wieder Rauch- und Tränengasschwaden sehen. An manchen Tagen schwappten die Proteste vom nahen Taksim-Platz über, die Polizei hielt die Demonstranten aber von den teuren Boutiquen in der Abdi İpekçi Caddesi fern.

Trotz den Vorgängen auf der Straße werden keine Besprechungen abgesagt und alle Leute kommen in ihre Büros. Es herrscht scheinbar Normalität. Mit Ausnahme der am Taksim-Platz gelegenen Hotels und Geschäfte, dürfte das Wirtschaftsleben in Istanbul kaum betroffen sein. Der durch die zeitweise Sperre des Taksim-Platzes ausgelöste Verkehrsinfarkt ist nichts Ungewöhnliches für Istanbul, der von der Regierung geschätzte Schaden am öffentlichen Eigentum in Höhe von rund 43 Millionen Euro wird das türkische Budget nicht gefährden.

Business as usual also? Nicht wirklich. Die Türkei droht in zehn Tagen zu verspielen, was sie in zehn Jahren aufgebaut hat, nämlich den Eindruck politischer Stabilität in den Köpfen ausländischer Investoren. Geschieht dies - und die Kursbewegungen der Istanbuler Börse und der Türkischen Lira verheißen da nichts Gutes - droht die Regierung das zu verlieren, was sie sich bisher im Ausland und auch bei vielen der Protestierenden auf der Habenseite zuschreiben lassen konnte: starkes Wirtschaftswachstum und die Verdrängung des Militärs aus der Innenpolitik.

Tourismus-Unternehmer

Cem Kinay, Gründer der Magic-Life-Clubs, hofft auf einen Lernprozess und sieht kein Risiko für Türkei-Urlauber.

Die Türkei hat unter Ministerpräsident Erdogan einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Die Wirtschaft gehört zu den Top 20 der Welt, das Bruttoeinkommen pro Kopf hat sich verdreifacht. Trotz weltweiter Krise gab es ein ständiges Wirtschaftswachstum, ein stabiler Mittelstand hat sich entwickelt.

Was mit friedlichen Demonstrationen in einem Stadtteil von İstanbul begonnen hat, wurde leider von einigen extremen Gruppen ausgenützt, was in Folge dann in Vandalismus ausgeartet ist. Es haben sich unschöne Szenen zwischen Polizei und manchen Gruppierungen abgespielt. Ich hoffe, dass diese Ereignisse für alle Parteıen ein Lernprozess sind. Ein Lernprozess für mehr Demokratie, für mehr Verständnis füreinander und vor allem für die Wünsche und Erwartungen der jüngeren Bevölkerung.

Es ist absolut verständlich, dass sich ausländische Urlauber fragen, ob sie ihre Ferien in der Türkei verbringen sollen oder nicht. Ich kann versichern, dass alle touristischen Zentren nicht im geringsten von diesen Entwicklungen betroffen sind. So beginnen dieser Tage in der Türkei die U-20-Fußballweltmeisterschaft sowie die Fußball-Mittelmeerspiele. Für die türkische Wirtschaft ist der Tourismus von großer Bedeutung. Mit 32 Millionen Touristen aus der ganzen Welt zählt die Türkei zu den Top-Ten-Tourismusländern weltweit. Ich kann mit gutem Gewissen einen Urlaub in der Türkei empfehlen. Es besteht kein Sicherheitsrisiko.

Vereinspräsident

Lothar Fischmann vom Verein für österreichisch-türkische Zusammenarbeit sorgt sich über die wirtschaftlichen Folgen.

Verschwörungstheorien am Bosporus: Türkischen Medien mutmaßen, die Lufthansa stecke hinter der neuen Bürgerbewegung, die zu einer Zusammenrottung von ‚Terroristen’ erklärt wurde - weil die Airline den Bau eines dritten Istanbuler Flughafens verhindern wolle. Eine "Kranich-Attacke“ also.

Es seien ‚ausländische’ Kapitalinteressen, so die offizielle Version, die eine Massenbewegung zur Verhinderung des Bauprojektes im Taksim-Park angestiftet hätten. Dabei hatte die türkische Regierung mit Hilfe der ausländischen Investoren den Höhenflug des Landes befördert. Noch vor kurzem hatte der türkische Wirtschaftsminister in Österreich zum Investment in seinem Land eingeladen. Schließlich war Österreich war über mehrere Jahre größter Direktinvestor in der Türkei.

Und die Folgen für die türkische Wirtschaft sein? Sollten die bisherigen ausländischen Investoren vertrieben und neue abgeschreckt werden, steht China bereits an der Türschwelle.

Derzeit ist nicht abzuschätzen, wie sich die türkische Zivilgesellschaft weiter entwickelt, und ob Wege gefunden werden können, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Europa ist aufgerufen, den Dialog mit der Türkei zu führen und sich nicht von Hetzern daran hindern zu lassen. Die besonnenen Kräfte hierzulande, wie die Präsidenten der IV und WKO müssen ihren Einfluss auf die Politik geltend machen, um auf europäischer Ebene als Vermittler zu agieren. Trotz Wahlkampf hierzulande.

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