Tief auf hohem Niveau

Michaela Knapp über Brachialhumor in der TV-Unterhaltung.

"Das tut man nicht mit einem intelligenten Menschen!“ Was Christoph Grissemann gespielt empört ausrief, dachten sich wohl viele bei der neuen ORF-Hauptabendshow "Keine Chance“. Angekündigt war "astreines Folter-TV für die ganze kranke Familie“. Man blieb nicht hinter den Erwartungen zurück. Was Stermann & Grissemann hier gelang, war eine sinnige Parodie auf all jene Showformate, die die breite, Privat-TV-geschulte Masse zu dieser Sendezeit schätzt. Aufs Feinste wurden hier Formate wie "Wetten, dass . .?“, "Schlag den Raab“ oder "Dschungelcamp“ in ihrer Absurdität bloßgestellt: Denn Tierschwänze ertasten oder Tore auf Bälle werfen ist auch nicht dümmer, als in einem Wok sitzend eine Eisbahn runterzufahren oder zu wetten, dass ein Lkw auf vier harten Eiern stehen kann. Nur dass hier Ekel-TV mit Verbalschmäh präsentiert wurde.

Stermann & Grissemann leben davon, zu polarisieren, und lieferten auch hier Tiefes auf hohem Niveau. Erstmals nun zur Primetime. Erreichte man auch nur 286.000 Zuseher, bedeutet der Einsatz der Show nach "Braunschlag“ oder dem "Kaiser“ doch einen weiteren Schritt, mit originären Formaten die heimische TV-Unterhaltung neu zu definieren. Fernsehdirektorin Kathi Zechner hat damit zumindest etwas gewagt, ist ins Risiko gegangen, um die Grenzen des im Hauptabend Erträglichen auszuloten. Motiviert von den Topquoten bei "Braunschlag“, dachte sie wohl, dem Publikum ist noch mehr zumutbar. Warum auch nicht? TV-Unterhaltung ist Knochenarbeit. Und: Nur wer nichts macht, kann nichts falsch machen.

- Michaela Knapp

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