Stürzt das Flugzeug wirklich ab?
Geht es denn nicht ohne Wachstum?

Albert Einstein: „Probleme kann man nie mit der Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Die Zeitgenossenschaft ist dreigeteilt. In, erstens, eine Mehrheit schweigender „Weiß nicht“s, zweitens in eine ebenfalls große Gruppe von „vernünftigen“ (bisweilen auch nur scheinbar vernünftigen) deklarierten Wachstumsanhängern und schließlich, drittens, in ein kleines, in der Regel freilich sehr sendungsbewusst agierendes wachstumskritisches Grüppchen von Alternativniks. Letztere behaupten, es gehe auch ohne Wirtschaftswachstum.

Jedenfalls ohne Wachstum im herkömmlichen Sinn. Wir müssten es nur richtig wollen, sagen sie. In die Kategorie, die so denkt, fallen (in der Diktion derer, die sich mit dem Wachstumskapitalismus arrangiert haben) vor allem „realitätsferne Grünlinge mit asketischem Touch sowie postmarxistische Träumer“. Und natürlich sind die Verteidiger des Herkömmlichen überzeugt, „dass die These, wir bräuchten kein Wachstum, sowieso nur Leute vertreten, die ohne materielle Sorgen im Winter in Wien-Döbling und im Sommer in einer Villa am Attersee residieren“.

In die andere Kategorie, also jene, aus der das Lied des Wachstums schallt, fallen (in der Diktion der Alternativniks) alle jene, die „einfach nicht kapieren, dass wir hier auf einem Globus sitzen, der ohnehin schon an allen Ecken kollabiert“. Die Positionen scheinen unversöhnlich.

Vor kurzem brachte das deutsche Wochenblatt „Die Zeit“ einen prominent platzierten, langen Beitrag zum Thema – mit sehr sachlichen Argumenten. Eines ist nämlich klar: Aus rein fachökonomischer Sicht sind tatsächlich Modelle darstellbar, die ohne Wachstum funktionieren. Die Bedingungen, unter denen sie dies tun würden, sind ebenfalls bekannt.
(Teilnehmer an Online-Leserdebatten zu Artikeln der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – FAZ – wissen darüber Bescheid.) Nur: Die Tatsache, dass Veränderungen von großer politischer Tragweite aus „ökonomischer Sicht“ rein theoretisch möglich wären, heißt noch absolut nichts. Im konkreten Fall muss jeder unvoreingenommene Zeitgenosse wohl zu dem Schluss gelangen, dass es – aus einem ganzen Konglomerat ökonomisch-politisch-gesellschaftlicher Gründe – ohne Wirtschaftswachstum tatsächlich nicht geht. Jedenfalls auf mittlere Sicht. Also jedenfalls unter dengegenwärtigen Grundbedingungen.
Aber diese Erkenntnis mindert nicht das Vergnügen, einschlägige Gedanken an der langen Leine genüsslich spazieren laufen zu lassen.

„Wir könnten auch anders“ lautet der Titel des erwähnten Artikels in der „Zeit“. Zu Wort kommt unter anderem ein emeritierter St. Gallener Ökonomieprofessor namens Hans-Christoph Biswanger (der seinerzeit übrigens Doktorvater des – aus der Schweiz stammenden – jetzigen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann war. Der Titel von Ackermanns Diss lautete „Der Einfluss des Geldes auf das reale Wirtschaftsgeschehen. Eine theoretische Analyse“). Biswanger gilt als geistiger Vater der Ökosteuer und als einer der weltweit bedeutendsten nicht marxistischen Wachstumskritiker. „Er weiß, wovon er redet“, schreibt ein kundiger Diskussionsteilnehmer im FAZ-Online-Forum. Einer der zentralen Aspekte im Zusammenhang mit der Frage „Muss das System wachsen?“ ist der Zins. Kapitalismus ist das Zum-Tragen-Bringen von kommerziell verwertbaren Ideen, und Ideen werden nur dann zu innovativen Produkten, wenn sich ein Kreditgeber findet, der die Idee finanziert. Der Preis eines Kredits ist der Zins. Solange Zinsen bezahlt werden müssen, gibt es aus dem Wachstumszwang kein Entrinnen. Also überlegt Biswanger, wie der Zins aus dem System zu eliminieren sei. Er kommt schließlich zu dem Vorschlag, die Institution „Aktiengesellschaft“ (sie steht ihrem Wesen nach unter Expansionsdruck) generell durch die Institution „Stiftung“ (kein Expansionsdruck, keine eingebauten Zinszahlungs- beziehungsweise Rendite-Notwendigkeiten) zu ersetzen.

Realismusgrad des Vorschlags: Fragezeichen. Wussten Sie übrigens, dass John Maynard Keynes die Auffassung vertrat, dass eine hoch entwickelte Wirtschaft kein Wachstum mehr braucht? (Natürlich gilt auch dieser Keynes-Satz nur unter ganz bestimmten, relativ klar definierten Umständen. Umständen, die heute keiner irgendwo gegeben sieht.) Zurück zu den Fragen, wie sie sich in Wirklichkeit stellen – also inklusive politischer und gesellschaftlicher Aspekte. Ohne diese Aspekte, also rein ökonomisch gesehen, ginge es wie gesagt darum, dass das System unter gewissen (sehr restriktiven) Bedingungen ohne Wachstum funktionieren würde. Mitsamt diesen Aspekten geht es, darüber hinaus, auch um Gesichtspunkte wie Gier, Besitzstreben und Bequemlichkeit.

„Man kann sich den Kapitalismus wie ein Flugzeug vorstellen“, heißt es in der „Zeit“: „Solange die Triebwerke Schub erzeugen, liegt es stabil in der Luft, die Passagiere merken gar nicht, wie weit sie von der Erde entfernt sind. Bleibt das Flugzeug jedoch stehen, dann stürzt es ab. Deshalb müssen die Piloten Gas geben, immer wieder Gas geben. Deshalb muss die Wirtschaft wachsen.“ Stimmt. Aber auch ein Zitat von Albert Einstein gibt zu denken: „Probleme kann man nie mit der Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

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