Stresstests sind keine Sicherheits-, sondern eine Beschwichtigungsstrategie

Was ist gefährlicher? Wenn jemand, nachdem er eine Flasche Bier getrunken hat, einen nagelneuen Ferrari fährt, oder wenn sich ein Formel-1-Pilot in einen alten Peugeot setzt?

Diese Frage stellt der Atomexperte und Träger des Alternativen Nobelpreises Mycle Schneider, wenn es um die Risikoeinstufung von Atomkraftwerken geht. Und seine Antwort darauf: Weil die Art von Unglücken bei hochkomplexen Kernkraftwerken um ein Vielfaches unvorhersehbarer ist als im Verkehr, lässt sich niemals festlegen, welche Sicherheitskultur die richtige ist.

Deswegen seine Skepsis gegen die sogenannten Stresstests, die Sicherheitsgarantien für Atomkraftwerke liefern sollen. Deshalb die Skepsis der Grünen. Wenn diese Tests noch dazu, wie vom Europäischen Rat vergangene Woche beschlossen, freiwillig sein sollen, die Kriterien dafür von der Atomlobby beeinflusst werden und die Folgen bei negativen Ergebnissen offen bleiben, dann sind Stresstests keine Sicherheits-, sondern eine Beschwichtigungsstrategie.

Die Atomlobby und in ihrem Gefolge die europäischen Atomregierungen wollen nur Zeit gewinnen. Sollte Fukushima aus den Schlagzeilen kommen, so ihr Kalkül, werde die Macht des Faktischen erneut die Oberhand gewinnen. Sie könnten mit den Risiko-AKWs weiter Gewinne machen und dem abgelaufenen Atomzeitalter Jahrzehnte hinzufügen.

Doch Fukushima ist nicht Tschernobyl. 2011 ist nicht 1986. „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt“, hat Gandhi gesagt und damit oft Recht behalten. Jetzt wird die Geschichte die Atomzeit aber hinter sich lassen. Aus einem einfachen Grund: Atom ist von gestern.

An schönen Tagen sehen wir vom Europaparlament in Brüssel aus das Atomium am Stadtrand in der Sonne glänzen. Dieses Brüsseler Wahrzeichen verbindet niemand mehr mit dem Heute oder gar mit der Zukunft. Es ist genauso ein Relikt der Geschichte wie der Stephansdom oder der Eiffelturm.

Das Atomium umweht der Geist der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Als 1957 Euratom gegründet wurde, führten Harry Belafonte und Freddy Quinn die Jahreshitparade an, und mit dem Sputnik-Satelliten startete die Sowjetunion den Wettlauf ins All. In der Musikbranche, in der Raumfahrt und in all den anderen Bereichen ist seither alles anders geworden. Unverändert geblieben ist jedoch der Grundsatz des Euratom-Vertrags: „In dem Bewusstsein, dass die Kernenergie eine unentbehrliche Hilfsquelle für die Entwicklung und Belebung der Wirtschaft darstellt …“

Ein Anachronismus der Sonderklasse. Sogar die katholische Kirche, der man zu Recht eine gewisse Reformresistenz nachsagt, hat sich weiter entwickelt als das Credo des europäischen Atomglaubens. Und trotz Dutzender Störfälle bis hin zum Super-GAU beten die Oberpriester der Atomsekte ihr Mantra von der Notwendigkeit der Atomenergie – und scharen Gläubige in den Regierungen um sich, denen sie mit ihren Pfründen den Irrglauben leichter, weil lukrativer machen.

Dabei hat schon vor Fukushima alles gegen eine Renaissance der Atomenergie gesprochen: ethisch, technisch, wirtschaftlich. Mit Atomkraft geht keine strahlende Zukunft einher, sondern eine tödliche Vergangenheit. Sie ist zum Entwicklungshindernis geworden, da sie dem Ausbau und der Entwicklung neuer und erneuerbarer Energien im Weg steht, Ressourcen abzieht und Investoren verschreckt.

Beispiel EU, wo laut Vorschlag der Kommission in den nächsten Jahren rund fünfmal mehr Geld in die Atomforschung gesteckt werden soll als in die Forschung für erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Aber Fukushima muss und wird zu einer energiepolitischen Weichenstellung in der EU führen. Die Grünen-Wahlergebnisse von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zeigen, dass die Menschen die Kernkraftfrage selber beantworten wollen. Und wir Grüne in Europa werden es nicht mehr zulassen, dass diese Debatte von der politischen Tagesordnung kommt. Unser Ziel ist, dass die Europäerinnen und Europäer in Volksabstimmungen über diese zentrale Frage entscheiden. Und wir sind sicher, dass die Atomkraft abgewählt wird. Denn Atom ist von gestern.

- Daniel Cohn-Bendit, Ulrike Lunacek
Der Co-Vorsitzende und die außenpolitische Sprecherin der Grünen/EFA im EU-Parlament.

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten