Stephan Klasmanns "querformat": Wir dürfen endlich wieder Toyota fahren

Kleinigkeiten aufbauschen, Panik verbreiten, ungeprüfte Vorverurteilungen. Na, woran denken wir da? Genau: an sensationsgeile Journaille, Boulevard-Presse, Schmuddel-TV. Aber sehen Sie, das können andere auch.

Fast verschämt gab es diese Woche zwei Entwarnungen. Die eine betraf Toyota. Wir erinnern uns an den demütigenden Auftritt des japanischen Konzernchefs im Frühjahr vor dem US-Kongress, der sich tief betroffen bei den anwesenden Opfern seiner Schrottautos entschuldigte. 52 Tote hätten die defekten Karren wegen klemmender Gaspedale verursacht, Tausende schlossen sich einer Sammelklage an. Der Zeitpunkt hätte für Toyota nicht ungünstiger und für die marode US-Autoindustrie nicht idealer sein können. Senatoren eiferten, Anwälte geiferten, ja selbst Präsident Obama meldete sich besorgt zu Wort.

Aber von Anfang an war etwas seltsam

Christian Kornherr, Chefredakteur der „Autorevue“, brachte es in einem Kommentar dankenswerterweise auf den Punkt und an die Öffentlichkeit: Warum, fragte sich der Kollege, gibt es in den USA 52 Tote, Hunderte Verletzte und in ganz Europa nicht einen einzigen derartigen Fall? Ja, warum nur? Gute Frage!

Jetzt, nach Veröffentlichung des Berichts der US-Verkehrsbehörde, wissen wir es. Weil das Pedal gar nicht klemmte. In 35 Fällen hatte der Fahrer / die Fahrerin nachweislich nicht einmal versucht, zu bremsen, in anderen Fällen viel zu spät oder nur halbherzig. Nur in einem einzigen Fall war das Pedal durch eine verrutschte Fußmatte hängen geblieben.

Der Imageschaden für Toyota ist, ebenso wie der materielle für sinnlose Rückrufaktionen und Anwaltskosten, enorm. Man darf gespannt sein, ob sich eine Delegation des US-Kongresses im Headquarter des Konzerns vor Tausenden Toyota-Mitarbeitern unter Tränen für ihre unverantwortliche Panikmache entschuldigen wird.

Nicht entschuldigt hat sich bislang jedenfalls Frau Margaret Chan, ihres Zeichens Chefin der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie erklärte diese Woche die Schweinegrippe-Pandemie für beendet. Eine Pandemie, die es nie gab. Wir erinnern uns an Krisenstäbe und an absurde Impfaktionen. Holland hat kürzlich 17 Millionen nicht verbrauchte Impfdosen vernichtet, in Österreich liegen 700.00 auf Halde. Milliarden Euro wurden verpulvert, Hunderte Millionen Bürger verängstigt. Und wir erinnern uns an ein paar Todesfälle. Zum Beispiel an vier Schweden, die infolge der Grippeimpfung starben. Aber gezählt wurden ja nicht die Impfopfer, sondern die Grippetoten, und auch die nur schlecht und recht.

Die WHO registrierte von Frühjahr 2009 bis jetzt – also in eineinhalb Jahren – weltweit 18.500 H1N1-Tote, in Österreich 40. Na, das ist mir ja eine schöne Pandemie, wo auf 15 Verkehrstote ein Infektionsopfer kommt! Jede „normale“ schwere Grippewelle fordert hierzulande weit über tausend Todesopfer, in Deutschland bis zu 20.000 – und das ganz ohne Panik.

Wunderbar: Wir dürfen wieder Toyota fahren und haben quasi die Pest überlebt. Trotzdem bleibt ein ganz mieser Beigeschmack. Denn große Gesten, aufwühlende Rhetorik, Überhöhung ins Maßlose, Angst und Katharsis – all das sind die Ingredienzien eines guten Theaterabends, vielleicht eines typischen Boulevardblattes. Aber definitiv nicht Kennzeichen verantwortungsvoller Politik.

klasmann.stephan@format.at

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