Stephan Klasmanns "querformat":
Wir Neidgenossen

Jetzt wissen wir es. Endlich ist eine der entscheidenden Grundfragen unserer Gesellschaft wissenschaftlich beantwortet: Wie viel Geld braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Forscher der walisischen Cardiff University, einer der renommiertesten Lehrstätten Großbritanniens, haben darauf eine simple, wenngleich für den Charakter der Spezies Homo sapiens wenig schmeichelhafte Antwort gegeben: mehr!

Allerdings bezieht sich dieses „mehr“ nicht auf den eigenen Kontostand, sondern auf den der anderen. In langen Zeitreihen konnten die Experten belegen, dass es keineswegs darauf ankommt, wie viel Wohlstand man sich in absoluten Zahlen leisten kann, wichtig ist nur, dass man mehr besitzt als das eigene soziale Umfeld. So sind die Briten in den vergangenen 40 Jahren trotz erheblich verbesserter materieller Lage insgesamt keineswegs zufriedener geworden. Glücklich ist nur, so das Fazit, wer beneidet wird, zumindest aber keinen Grund sieht, andere zu beneiden, weil er – oder sie – in der Hackordnung des eigenen Soziotops weit oben steht.

Das Forschungsergebnis hat für den Durchschnittsbürger immerhin tröstliche Aspekte. Der Golf-Fahrer, der seinen BMW-Freund beneidet, weiß nun, dass es dem auch nicht besser geht, weil er immer noch sehnsüchtig einem Porsche- Fahrer nachblickt, der wieder vom Bentley träumt, und der vom Maybach. Ja, selbst Bill Gates hat nach der neuesten „Fortune“-Reichstenliste noch jemanden, zu dem er aufblicken muss. Der mexikanische Telekom- Milliardär Carlos Slim Helú löste Mr. Microsoft als reichster Mensch der Welt ab. Dort allerdings endet die Neidpyramide.

Unser größtes Glück besteht jedoch darin, dass es nicht nur immer ein Oben gibt, sondern auch ein Unten. Und das kann uns Quell größter Zufriedenheit sein. Denn diese wissenschaftlichen Erkenntnisse machen ganz neue psychologische Therapiemethoden möglich. So könnte etwa Finanzminister Josef Pröll, der angesichts des wachsenden Defizits durchaus Grund zu Depressionen hat, einen Griechenland-Urlaub buchen. Dort kann er sich ein Bild davon machen, wie ein in Schieflage geratener Staatshaushalt wirklich aussieht.

Dem neuen Hypo-Alpe-Adria-Sanierer Gottwald Kranebitter wäre wiederum eine Reise in die USA zu den Resten des Lehman-Imperiums zu empfehlen. Nach seiner Rückkehr würde ihm das Reinigen des carinthischen Augiasstalls als gemächlicher Halbtagsjob erscheinen.

Selbst für die künftigen Empfänger der Mindestsicherung gibt es noch lohnende Reiseziele. Von Nordkorea oder Haiti ganz abgesehen – da ist die Anreise leider etwas teuer –, reicht ein Besuch bei einem deutschen Hartz-IV-Empfänger, um künftig mit geschwellter Brust durchs Leben zu gehen.

Und selbst für Werner Faymann gibt es nach den Serienniederlagen noch heilsame Destinationen. Ein Trip nach London könnte dem SPChef angesichts der misslichen Lage der Labour Party immer noch den Eindruck vermitteln, eine Großpartei zu führen.

Goethes der Margarethe in „Faust I“ in den Mund gelegte Weisheit muss dagegen zumindest in Teilen umgeschrieben werden. Nicht alles hängt am oder drängt nach Golde. Nein: Am Neid der anderen hängt unser Lebensglück.

klasmann.stephan@format.at

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