Stephan Klasmanns "querformat":
Wir bitten dich, erhöre uns!

"Das wahre Wunder dieser Wahl sind die Amerikaner selbst."

Wäre Barack Obama vor 2.000 Jahren in Palästina geboren worden, er hätte vermutlich die damals beliebte Karriere eines Propheten eingeschlagen. In seiner grandiosen Siegesrede in Chicago beschwor der 47-Jährige in kräftigen Bildern und mit priesterlicher Gestik den Glauben an eine bessere Zukunft. „Wir brauchen einen neuen Patriotismus“, verkündete der neue Hierophant der US-Politik, und die Jünger skandierten: „Yes, we can.“ Und weiter ging es mit den Fürbitten: „Eine gesunde Wirtschaft“ … „Yes, we can.“ „Eine geeinte, starke Nation …“ „Yes, we can.“ Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen liefen die Tränen über die Wangen. Kein Klischee ließ der schlanke, charismatische Demagoge aus: Von der 106-jährigen Sklaventochter, die zur Wahl gegangen war, bis hin zu Gründervater Lincoln und Martin Luther King spannte sich der Bogen, der die historische Bedeutung des Augenblicks noch einmal unterstreichen sollte. Und dabei wirkte der Senator von Illinois in jeder Sekunde hundertprozentig authentisch. Und er war es wohl auch. Tief empfunden ist sein Sendungsbewusstsein.

Prediger und Propheten finden ihren größten Zulauf in Zeiten von Angst, Chaos und Unsicherheit. Und so ist es auch bei Obama: Die USA befinden sich in der tiefsten Krise seit dem New Deal. Sinnlose Kriege im Irak und in Afghanistan, die mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen sind. Ein horrendes Bugetdefizit, das auf Dauer unfinanzierbar ist. Der Kollaps der Finanzmärkte und damit der Altersvorsorge von Millionen Bürgern. Die Vereinigten Staaten sind die Karikatur einer Supermacht, die ihre eigenen Werte der Humanität und Rechtsstaatlichkeit mit Füßen tritt. Sei es in Guantanamo, in Abu Ghraib oder auch in den eigenen Krankenhäusern, in denen die Potenz der Kreditkarte die Lebenserwartung des Patienten bestimmt. „The land of the free“ ist Zerrbild all dessen, worauf die US-Bürger so gerne Stolz sein wollen. Nicht nur, aber in hohem Maße ist diese bedauerliche Diagnose jenem Präsidenten zu verdanken, den laut aktuellen Umfragen 71 Prozent (!) der Amerikaner für den schlechtesten ihrer 200-jährigen Geschichte halten: George W. Bush. Er war der wichtigste Wahlhelfer für die Demokraten. Derjenige, auf dessen kolossalem Versagen der Wunsch nach Erneuerung und Wandel zu jener Intensität wachsen konnte, die schließlich das eigentliche Mirakel dieses 4. November möglich machte: die Wahl eines Farbigen zum mächtigsten Mann der Welt.

Doch es ist nicht alleine der Vorbeter Obama, dem unsere Hochachtung gelten sollte. Das tatsächliche Wunder sind die Amerikaner selbst. Noch vor 50 Jahren musste eine Farbige ihren Anspruch auf einen Sitzplatz in einem öffentlichen Bus einklagen. Auch das Recht afroamerikanischer Kinder auf den gemeinsamen Schulbesuch mit weißen Kindern wurde erst in den 60er-Jahren vor dem Obersten Gerichtshof erstritten. Jetzt – historisch gesehen nur einen Augenblick später –, mitten in einer existenziellen Krise, vertrauen die immer noch mehrheitlich weißen US-Bürger dem Charisma und den Visionen eines Farbigen. Es müssen Millionen gewesen sein, die an diesem Tag in der Wahlzelle ihre eigenen tief verwurzelten Ressentiments überwunden haben.

Selbst wenn Obama in vielem enttäuschen wird, was angesichts der anstehenden Herausforderungen und des Fehlens eines stringenten Wirtschaftsprogramms durchaus wahrscheinlich ist: Alleine die Tatsache, dass mit seiner Wahl die ultimative Bastion eines hellhäutigen Chauvinismus gefallen ist, gibt ihm und auch seinen Wählern einen verdienten Platz in der Geschichte der Menschheit.

klasmann.stephan@format.at

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