Stephan Klasmanns "querformat": Wer mehr Zinsen kassiert soll auch Risiko tragen

Ein US-Verhaltensforscher hat vor einigen Jahren einen ungewöhnlichen Vorschlag zur Steigerung der Verkehrssicherheit gemacht: Anstatt die Autos mit ABS, ASP, Sicherheitsgurten und einem Dutzend Airbags auszustatten, sollte man Gurte und Airbags am Fahrersitz verbieten und stattdessen einen langen Stahlstachel so am Lenkrad montieren, dass er sich im Falle eines Unfalls ins Herz des Chauffeurs bohren würde. Auch wenn die Realisierung dieser innovativen Idee als politisch nur schwer durchsetzbar eingeschätzt werden darf, ist die Strategie dahinter klar. Hat jemand bei einem Fehlverhalten vorhersehbar schwere Konsequenzen zu tragen, dann wird er sich risikoaverser verhalten. So ein Stachel sorgt für Winterreifen im Schnee, lange Sicherheitsabstände auf der Autobahn und steigert den Respekt vor Stopptafeln. Der Anreiz, sich den Verkehrsregeln entsprechend zu verhalten, würde jedenfalls drastisch steigen.

Derzeit laufen in Brüssel Verhandlungen darüber, wie man 2013, nach dem Auslaufen des 750 Milliarden Euro schweren EU-Schutzschirms für Pleiteländer, einen Mechanismus für eine geordnete Insolvenz von Mitgliedstaaten einrichten könnte. Einer der Streitpunkte ist dabei die deutsche Forderung, dass auch private Anleger – etwa beim teilweisen Ausfall einer Griechenlandanleihe – zur Kasse gebeten werden.

Dagegen gibt es massive Proteste seitens anderer Mitgliedstaaten und auch vonseiten der Anleger- und Konsumentenschützer. Der arme Bürger müsse geschützt werden, der könne ja nicht entscheiden, wie sicher oder unsicher so ein Papier ist. Dem Privatanleger müsse die Rückzahlung jedenfalls garantiert werden. Und wer soll dafür geradestehen? In letzter Konsequenz wie immer der Steuerzahler.

Doch das wäre eine wirtschaftlich gefährliche und letztlich auch unfaire Lösung. Eine griechische 10-Jahres-Anleihe bringt derzeit elf Prozent, eine deutsche 2,6 Prozent Rendite. Da muss doch auch dem dämlichsten Anleger auffallen, dass das nicht ganz dasselbe sein kann. Wer die Chance haben will, die vierfachen Zinsen zu kassieren, der hat mehr Risiko und soll es gefälligst auch selber tragen. Die höheren Erträge streift er ja auch alleine ein. Die Folge wäre nämlich, dass die braven, Maastricht-konformen Staaten sich wegen der Hochzinskonkurrenz teurer refinanzieren müssen, während die Schuldensünder sogar durch tendenziell fallende Zinsen begünstigt würden.

Ähnliches gilt für die Einlagensicherung

Die derzeit in Österreich geltende Garantie-Grenze von 100.000 Euro ist viel zu hoch. Die früher üblichen 20.000 Euro wären völlig ausreichend, um kleine Sparer zu schützen. Das hohe Limit sorgt bloß dafür, dass Anleger, ohne sich um das Schuldnerrisiko kümmern zu müssen, bei Sparbüchern jener Banken zugreifen, die die höchsten Zinsen bieten. Dass diese Häuser in der Regel auch riskanter agieren und daher eher dem Pleitegeier zum Opfer fallen, kann ihnen egal sein. Konservativ agierende Institute, die eben wegen dieser Umsicht geringere Zinsen offerieren, können ihre höhere Bonität durch die garantierte Einlagensicherung nicht in einen Wettbewerbsvorteil ummünzen. Das ist schlicht unfair und fördert das Gesamtrisiko des Bankensystems.

Ein potenziell schmerzhafter Stahlstachel für Sparbuch und Depot würde – bei allem Respekt vor Anlegerschutz – für mehr Risikobewusstsein der privaten Investoren und für mehr Gerechtigkeit im Wettbewerb um die attraktivsten Zinsen sorgen.

- Stephan Klasmann

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