Stephan Klasmanns "querformat":
Wer zahlt die Zeche?

"Wir zahlen nicht für eure Krise! Stimmt! Wir zahlen für unsere Krise."

Wie naiv-romantisch waren die friedensbewegten Demonstrationen in den frühen 80er-Jahren. „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“, zitierten die Gegner des Nato-Nachrüstungsbeschlusses den US-Schriftsteller Carl Sandburg. 25 Jahre und mindestens ebenso viele militärische Auseinandersetzungen später stellen wir fest, dass der Krieg – obwohl diejenigen, die ihn erleiden, ihm sicher nicht entgegengegangen sind – weiterhin seine blutige Spur über unseren Planeten zieht.

„Wir zahlen nicht für eure Krise!“  Ein gigantischer Chor tönt derzeit durch Europa, und seine stimmgewaltigen Teilnehmer bestärken sich gegenseitig schulterklopfend und mit geballter Faust darin, dass es so ja wohl nicht gehen kann. Ein paar außer Kontrolle geratene Kapitalisten und Betrüger sprengen das Weltfinanzsystem, und wir fleißigen Werktätigen sollen nun den horrend bezahlten Bankern durch milliardenschwere Zuschüsse ihre Jobs retten. Und auch wenn die Analyse in dieser Vereinfachung nicht stimmt – der Unmut der protestierenden Bürger ist mehr als verständlich. Der Kollaps einer weitgehend fremden, fast virtuellen Welt bricht mit verheerenden Folgen in den Alltag des „kleinen Mannes“ (Copyright: V. Klima) ein. Kein Wunder, dass Forderungen nach Nulllohnrunden aus dessen Perspektive in unversöhnlichem Gegensatz zu einem 100-Milliarden-Euro-Bankenhilfspaket stehen. So nicht! Wir zahlen nicht für eure Krise! Welche fast rührende Kombination aus kindlicher Wut und naiver Verkennung einer brutalen Realität.

Denn die Rechnung kommt ganz anders, als es sich die Demonstranten vorstellen. Das Problem sind nicht die Hilfspakete für die Banken, die über ihre Steuergelder finanziert werden müssen und so zu höherer Verschuldung führen werden. Auch hat die Republik Österreich bislang keinen Cent für die gegebenen Garantien aufgewendet, und für das Partizipationskapital kassiert der Staat immerhin acht Prozent Zinsen. Der deutsche Bankenrettungsfonds hat bisher sogar Gewinne gemacht – trotz Zahlungszusagen von über 100 Milliarden Euro alleine an die Hypo Real Estate. Die Zeche wird in Form von Arbeitslosigkeit, Insolvenzen von Unternehmen, steigenden Privatkonkursen und Obdachlosigkeit gezahlt.

Dagegen kann man zwar demonstrieren, und das Herausschreien des Zornes mag eine erleichternde Wirkung auf die Psyche haben, doch an den schmerzhaften Fakten ändert das nichts. „Wir zahlen nicht für eure Krise“ – schön wär’s, gälte das Verursacherprinzip beim Auslöffeln globaler Suppen. Tatsächlich aber steht der Oberkellner schon mit gezückter Brieftasche neben uns: „Als da wären: 150.000 zusätzliche Arbeitslose, fallende Steuereinnahmen, ein kleines Konjunkturpaketerl, ein größeres Steuerzuckerl zur Konsumankurbelung und noch eine frisch zubereitete Verschrottungsprämie. Macht zusammen zehn Milliarden Euro. Bitte höflichst, bitte sehr!“ Der Zahltag ist bereits gekommen. Zum Zitat „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin …“ findet sich bei Bertolt Brecht der erschreckend wahre Nachsatz: „… dann kommt der Krieg zu euch“. Und auch 2009 irren sich die hoffnungsvoll-naiven Demonstranten. Es geht längst nicht mehr um „eure Krise“ oder „deren Krise“ – es ist unsere Krise.

klasmann.stephan@format.at

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