Stephan Klasmanns "querformat":
We Are the World!?

Der König ist tot. Es lebe der König. Und wie der lebt. Seit Michael Jackson das Zeitliche gesegnet hat, ist der King of Pop nicht nur in den Charts obenauf. Der Werbewert der Sendeminuten, die rund um Aufbahrung, Leichentransport und Trauerfeier produziert wurden, liegt im Milliarden-Dollar-Bereich.

Ob staatlicher Sender oder Privat-TV: Zappen war sinnlos. Überall, jederzeit nur ein Thema: MJ. Dabei hielt sich der Unterhaltungswert durchaus in Grenzen. Eine halbe Stunde lang zeigten die Kameras nichts als eine Reihe schwarzer Limousinen, die auf einer geräumten US-Autobahn dahinfuhren. In einer davon ließ sich schemenhaft ein rosengeschmückter Kasten ausmachen. Normalerweise würde das Publikum angesichts dieser Bilder in Tiefschlaf fallen und der Sendeverantwortliche seinen Job verlieren. Weil aber in dem Kasten der mehrfach obduzierte Körper der Pop-Ikone lag, rechtfertigte das natürlich den Sendemarathon. Der, wie viele Zeitschriften diagnostizierten, „größte Star aller Zeiten“ – zumindest bis zum Ableben des nächsten, größten Stars aller Zeiten – ist eben ein echter Publikumsmagnet.

Über eine Milliarde Menschen haben die Megaparty aus Anlass seines Todes an den Bildschirmen verfolgt. Über eine Milliarde Menschen – das sind etwa so viele, wie nach dem Bericht der Welternährungsorganisation nichts zu essen haben. Die Schnittmenge der beiden Gruppen dürfte gering sein. Das mediale Interesse daran ebenfalls. Mit Hunger lässt sich der Hunger nach Sensationen nicht stillen. Neben dem Tod des Musikers verblasst alles zur Nebensache.

Immerhin proklamierte Obama dieser Tage in Moskau einen Neubeginn der russisch-amerikanischen Beziehungen, in L’Aquila findet das G-8-Treffen statt, Hunderte Uiguren kamen bei Aufständen in China ums Leben. Eigentlich genug Stoff für Schlagzeilen. Stattdessen sieht man schluchzende Schweden in Stockholm, jammernde Japaner in Yokohama, trauernde Türken in Trabzon.

Triumph des Emotionalen
Selten hat das Bedeutungslose, aber Emotionale so sehr über das Bedeutende, aber Rationale triumphiert. Michael Jacksons Songs haben viele von uns durch die Jugend begleitet, durch Liebeskummer, euphorische Gefühle von Freiheit und durchtanzte Nächte. Dagegen verblassen alle Eskapaden und Vorwürfe von Kindesmissbrauch. Aus Sicht der Fans muss der King of Pop ein Guter sein, denn böse Menschen, so heißt es in einem Sprichwort, haben keine Lieder. Kinder mit Wasserbauch haben auch keine. Sie können vor Schwäche nicht einmal sprechen, geschweige denn singen. Und irgendwann kommt für sie im elenden Dahindämmern endlich das Ende vom Lied. Als Erlösung.

Verhungern ist ein langsamer und schmerzhafter Tod. Warum zeigt man uns das nicht? Weil es ohnehin jeder weiß, würden Programm-Manager antworten. Stimmt. Aber warum rührt uns das nicht? Es scheint, dass in einer nach stets neuen Superlativen suchenden Medien- und Werbewelt die Gewichtung zwischen elementar Wichtigem und – bei allem Respekt für MJs musikalisches Werk – völlig Nebensächlichem immer mehr in Schieflage gerät. Doch diese Gleichgültigkeit der Reichen gegenüber den Armen, der Satten gegenüber den Hungernden ist keine gute Basis für jene neue Weltordnung, die wir nicht nur im Finanzbereich, sondern auch im Umgang mit unserer Umwelt aufbauen müssen. „We are the world“, hat Jacko in einem seiner Hits gesungen. Wo sind die Milliarden Fans, die das auch vorleben? Wo ist die Sondersendung „Millionen Tote bei Hungersnot“?

klasmann.stephan@format.at

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