Stephan Klasmanns "querformat":
Was weiß schon Aristoteles!

Das hat sich Aristoteles ganz anders vorgestellt. Der antike Philosoph war fest von der heilsamen Wirkung der Tragödie überzeugt. Durch das Betrachten des Leides der Akteure und das dadurch entstehende Grauen und Mitgefühl bei den Zuschauern sollte seiner Meinung nach „Katharsis“ entstehen – Reinigung und Läuterung der Seele.

Doch das, was sich derzeit in seiner Heimat abspielt, spricht gegen seine weisen Thesen. Das Schuldendrama, das eigentlich zur Erkenntnis führen könnte, dass man nicht dauerhaft über seine Verhältnisse leben kann, löst Wut und Trotz aus. Nicht selbstkritische Suche nach Ursachen, sondern jene nach Sündenböcken ist angesagt. Böse Hedgefonds, böse deutsche Kanzlerinnen, der ebenso böse Währungsfonds … sie alle sind schuld an der Krise. Nur nicht die Hellenen selbst.

„Hinaus mit dem IWF“, geifert die griechische Gewerkschaft. Der „bodenlose Fall des Lebensstandards“ müsse ein Ende haben, fordern die Demonstranten und bewirken mit ihren Streikaufrufen doch nur das genaue Gegenteil. Der Verkehr steht still, die Wirtschaft ebenso, während der Schuldenberg wächst. Sie gebärden sich wie Schiffbrüchige, die sich weigern, zu schwimmen, weil sie doch das kollektivvertraglich verbriefte Recht auf eine beheizte Rettungsinsel mit dreimal täglich warmem Buffet hätten. Wer so agiert, ertrinkt.

Wie herrlich hochmütig ließe sich über das tumbe Hellas Steine werfend spotten, säßen wir nicht im gleichen Glashaus. Denn nicht alleine die Griechen erweisen sich als Katharsis- resistent. Auch hierzulande zeichnet sich die Wirtschaftspolitik nicht gerade durch füchschenhafte Schläue aus. Anstatt während des langen Aufschwungs bis 2008 den Staatshaushalt zu konsolidieren, wurden weiter Schulden gemacht. Anstatt endlich eine Föderalismusreform auf den Weg zu bringen, leisten sich acht Millionen Alpen-Dösis weiterhin neun Bundesländer mit neun Bauordnungen, neun Krankenkassen, neun Landtagen, neun ORF-Landesstudios, neun sozialen Fördersystemen, neun Wohnbauförderungsbestimmungen und so weiter – die Aufzählung des in Summe milliardenteuren Unsinns ließe sich beliebig fortsetzen.

Und auch jetzt, angesichts der griechischen Tragödie, wird in erster Linie über neue Steuern diskutiert. Und das alles getarnt unter dem Mäntelchen der Weltverbesserung: Wir brauchen eine Bankensteuer, aber natürlich nicht wegen der Budgetkonsolidierung. Nein, nur wegen der Gerechtigkeit, weil die allmächtigen österreichischen Geldinstitute haben ja die US-Immobilienkrise ausgelöst und dadurch die Welt ins Unglück gestürzt. Und eine Börsenumsatzsteuer brauchen wir auch. Natürlich auch nicht wegen der Steuermillionen, sondern weil damit die Weltverschwörung der globalen Spekulation in die Knie gezwungen werden soll, die ja an der bekanntermaßen gigantischen Wiener Börse besonders fröhliche Urständ feiert.

Ja, das wird uns sicher retten. Die tapferen Sanierungshelden Werner Faymann, Josef Pröll und Finanzstaatssekretär Andreas Schieder treten zum Kampf gegen den Weltkapitalismus an. Könnte glatt sein, dass sich da eine neue Tragödie anbahnt – aus der wir wohl wieder nichts lernen werden. Armer, gutgläubiger Aristoteles!

klasmann.stephan@format.at

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