Stephan Klasmanns "querformat":
Wahn und Sinn im Sommerloch

Unser Gehirn ist ein sehr empfindliches Organ. Unter besonderem Stress oder harten Umweltbedingungen – etwa in extremen Höhen – kann seine Funktion empfindlich gestört werden. Auch große Hitze, wie sie in der vergangenen Woche Teile Österreichs heimgesucht hat, ist dem reibungslosen Navigieren durch das neuronale Netz offensichtlich abträglich. Nur so lassen sich die gelinde gesagt merkwürdigen Äußerungen von Personen des öffentlichen Lebens erklären, in denen sich die Grenze zwischen Wahn und Sinn bis zur Unkenntlichkeit verwischt.

So ist etwa die Klassifizierung der durch jahrelanges politisches Versagen zum Desaster geratenen AUA-Privatisierung als „wirtschaftspolitischer Meilenstein“ durch unseren Herrn Finanzminister nachgerade skurril. Tatsächlich ist es gerade einmal gelungen, die Airline zu verschenken, und selbst dafür musste man noch 500 Millionen Euro hineinstecken. Ein Meilenstein soll das sein? Allenfalls ist die AUA mit 200 Sachen gegen einen solchen geprallt. Eher könnte man noch von einem Mühlstein sprechen, den wir nun auf insgesamt peinliche und kostspielige Weise losgeworden sind. Freilich ist auch die Einschätzung unseres Nationalpiloten Nummer eins, Niki Lauda, ein wenig übertrieben, der im AUA-Deal das größte Drama seit dem Zweiten Weltkrieg sieht. Schön wär’s, wären da nicht noch Eumig-Pleite, Intertrading oder Bawag-Skandal gewesen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Insgesamt dürften sich die Wetterkapriolen aber vor allem auf Politikergehirne negativ auswirken. Wie sonst könnte die Idee eines Haider-Museums entstehen? Zugegeben, der Landeshauptmann ist seiner politischen Überzeugung bis zuletzt treu geblieben und hat noch mit Tempo 140 eine Ortstafel verrückt. Aber muss man jemandem deshalb gleich eine Ausstellung widmen? Will man wirklich Jörgls Schaukelpferd sehen, oder seine Laufschuhe? Wieso gibt es für so etwas Geld, während in der weltberühmten Albertina das Wasser von den undichten Decken rinnt?

Zu den Hitzeopfern zählt anscheinend auch Innenministerin Maria Fekter, die allen Ernstes eine Kontrolle der Staatsanwaltschaft durch das Parlament fordert. Steht da nicht irgendetwas von Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Gerichtsbarkeit im Staatsgrundgesetz? Aber bitte: Internationale Beispiele für das Fekter-Modell gibt es ja bereits. Etwa den Iran, wo gerade auf Weisung der Politik ein Schauprozess gegen Hunderte Demonstranten stattfindet.

Besonders schlimm hat das Hitzefieber dieser Tage jedoch Harald Vilimsky erwischt, der seine Partei in nicht allzu langer Zeit zur stärksten politischen Kraft des Landes machen möchte. Dagegen wäre grundsätzlich noch nichts einzuwenden, gäbe er nicht auch kund und zu wissen, wofür er die damit verbundene Macht einzusetzen gedenkt: zur Verteidigung christlicher Werte, „damit der Nikolaus wieder in die Schulen kommen kann“. Damit ist die FPÖ genau am Puls der Zeit! Gratuliere! Das war angesichts von Wirtschaftskrise, steigender Arbeitslosigkeit und explodierender Staatsschulden immer schon das wichtigste Anliegen der Wähler: Nikolausi und Osterhasi. Unser Glück: Bis zum 6. Dezember haben wir noch etwas Zeit. Bis dahin könnte die Politikerpsyche Hitzeschock und Sommerloch wieder überwunden haben.

klasmann.stephan@format.at

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