Stephan Klasmanns "querformat":
Wagners wunderbare Welt

Der Musikantenstadl ist die gerechte Strafe für vorehelichen Sex

Seit der Mensch erstmals staunend zum Firmament aufblickte, versucht er den Kosmos zu deuten. Schamanen, Druiden, Priester und Medizinmänner drangen ein in die Tiefen der geistigen Reiche, um Wetterphänomene, Krankheiten oder Todesfälle zu erklären. Philosophie und später auch die Naturwissenschaft erstanden, um uns die Welt verstehen zu lassen. Doch die Legionen von Experten haben ihren Job vermasselt. Statt Antworten tun sich immer mehr Fragen auf. Moleküle, subatomare Teilchen, Wellen, Rotverschiebung, Evolution, Heisenberg – nichts als Unschärfe. Nun aber hat endlich jemand die Dinge zurechtgerückt. In bestechend einfachen Worten hat uns der neue Linzer Weihbischof Gerhard Maria Wagner enthüllt, was die Welt im Innersten zusammenhält: Gott und die Bibel. Lasterhafte Bordelle und Abtreibungskliniken führen zu Hurrikans, geistige Umweltverschmutzung lässt Tsunamis entstehen, und Harry Potters okkulte Riten verderben Frau und – vor allem – Kind. Jetzt erst sehe ich klar.

Denn tatsächlich lassen sich viele markante Ereignisse der
vergangenen Jahre mit der Wagner’schen Welterklärungsformel deuten. Etwa die schwere Flutkatastrophe, die 2002 Kamptal und Wachau verwüstet hat. Sie hat ihre Ursache wohl im mangelnden Glauben an die im Alten Testament beschriebene Sintflut. „Wollen wir euch doch mal beweisen“, dachte sich hämisch grinsend der Allmächtige Herr, und schon waren Reb-, Bild- und Opferstöcke überflutet. Auch die Brandkatastrophe in Kaprun ist leicht aufgeklärt: Verkehrte dort nicht ein „Gletscherdrache“ genannter Zug? War das nicht ein klarer Hinweis auf das in der Apokalypse des Johannes beschriebene Tier, dessen Zahl 666 ist? Sex, sex, sex – deutlicher kann das sündige Treiben schamloser Touristen beim Après-Ski gar nicht beschrieben werden. Und waren es nicht auch die obszönliederlichen Skihäschen, die die lichten Bergeshöhen geistig verschmutzt und dadurch den Lawinenabgang in Galtür verursacht haben?

Ja, so einfach könnte es sein, die Welt zu verstehen, wenn
wir sie bloß verstehen wollten! Während sich der Normalbürger über die elende Neuauflage der großen Koalition ärgert und grämt, fällt dem Sehenden sofort die diabolische Symbolik auf: Sind nicht Schwarz/Rot die Farben des Krampus, also des satanischen Dieners, der zu uns kommt, die schlimmen Kinder zu züchtigen und zu erschrecken? Und sind nicht Faymann und Pröll in der Tat ein Duo infernal?

Aber können wir uns selbst freisprechen? Haben nicht auch wir selbst Schuld an Missständen und Elend? Seit ich Wagners weise Worte vernommen habe, frage ich mich in schlaflosen Nächten: Und was habe ich damit zu tun? Habe ich vielleicht Gusenbauer mitverursacht? Oder andere österreichische Plagen wie H.-C. Strache, den Villacher Fasching, die „Kronen Zeitung“ und die ORF-Programmreform? War „Mitten im Achten“ einfach nur eine Strafe Gottes für meine frevelhaften Kolumnen? Ist die Grippewelle nur die Folge meiner unterlassenen Kirchenbesuche und der „Musikantenstadl“ Strafe für vorehelichen Geschlechtsverkehr im Heuschober? Wir wissen es nicht. Aber bevor ich noch mehr Sünde auf mich lade und womöglich noch Meteoriteneinschläge und Vulkanausbrüche verursache, lasse ich nun die Feder sinken und ziehe mich büßend in meine Klause zurück – begleitet nur von einem Gläschen Messwein.

klasmann.stefan@format.at

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