Stephan Klasmanns "querformat":
Von Aszendent Lemming

"Wir werden glücklich lächelnd in die nächste Katastrophe schlittern."

Seit unvordenklichen Zeiten, die bis zu den Wurzeln menschlicher Kultur zurückreichen, schreiben wir Tieren besondere Eigenschaften und Fähigkeiten zu. Meist sind diese Attribute falsch. Etwa jenes vom besonders schlauen Fuchs, wogegen schon dessen zahlreiche tote Artgenossen auf Autobahnen und Landstraßen sprechen. Auch die Legende von den selbstmörderischen Lemmingen ist zoologisch unhaltbar. Die flinken Nager sind ausgezeichnete Schwimmer, die auf ihren durch die Jahreszeiten und Himmelsrichtungen bestimmten Wanderschaften mühelos Seen und Flüsse durchqueren.

Im Vertrauen auf ihre Fähigkeiten springen sie daher in jedes Gewässer und paddeln so lange vor sich hin, bis sie am anderen Ufer gelandet sind. Ihr Pech: Manchmal stoßen sie auf ihren Zügen nicht auf Seen und Flüsse, sondern auf das Meer. Dann schwimmen sie und schwimmen sie und schwimmen sie, bis … Na ja, und daher kommt eben das suizidale Image. Die niedlichen Tierchen wollen ihrem geselligen Leben keineswegs ein Ende bereiten, aber wenn sie bemerken, dass der Atlantik keine Balken hat – und schon gar kein anderes Ufer –, ist es zu spät. „Dumm gelaufen“, könnten wir Menschen von den Höhen unserer Intelligenz milde herablächeln, wären wir nicht genauso geartet.

Und damit sind wir bei der Wirtschaftskrise. Genau genommen bei deren Ende, denn zum Ärger der meisten Untergangspropheten dürfte die Konjunktur viel früher wieder anspringen, als es die Elite der Ökonomen vorhergesagt hat. Wir lassen uns eben nicht so leicht unterkriegen. Krise gesehen, Krise durchschwommen, weitergelaufen. Sind wir nicht toll? Doch genau das ist unser Problem. Denn die relative Milde des als Mutter aller Rezessionen verkauften Abschwungs bewirkt, dass wir wenig bis nichts daraus lernen und weitermachen wie bisher. Bis das Meer kommt. Und das ist am Horizont schon ganz gut zu erkennen.

Diese nächste Herausforderung ist die kommende Energiekrise, gegen die sich die aktuelle Finanzkrise wie ein harmloses Lüfterl ausnehmen wird. Diese Woche warnte ausgerechnet Saudi-Arabien vor neuen Rekordpreisen bei Öl innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre. Denn statt dringend notwendige Explorationsanstrengungen zu unternehmen, haben die Ölgesellschaften ihre Investitionen wegen der niedrigeren Barrelpreise zurückgefahren. Wenn sich die Wirtschaft nun wieder erholt und die großen Schwellenländer Indien und China sich weiterentwickeln, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Nachfrage die Förderkapazitäten übersteigt.

Nachdem aber am Ölpreis auch alle anderen Energiepreise hängen, stehen wir in wenigen Jahren vor dem Problem, wie wir unseren kilowattintensiven Lebenswandel finanzieren werden. Denn ohne Energie geht gar nichts. Keine Industrie, keine Heizung, kein Licht, keine Kommunikation. Das Einzige, was uns retten könnte, wäre eine möglichst rasche Hinwendung zu alternativen Energien. Doch gerade Umweltmaßnahmen haben in Zeiten der Rezession keine Priorität. Es geht ja um Wichtigeres. Etwa um Arbeitsplätze. Und zwar um die Arbeitsplätze von heute, denn für die Arbeitsplätze von morgen bekommt man keine Wählerstimmen und auch keine Milliarden aus dem Konjunkturpaket.

Und deswegen werden wir – glücklich lächelnd wegen der eben ausgestandenen Krise – ungebremst in die nächste, viel schwerwiegendere Katastrophe schlittern, die leider nicht durch höhere Defizite gelöst werden kann. Und so sind wir also wie zweibeinige Lemminge: Nicht Todessehnsucht gefährdet unsere Existenz, sondern das naive Vertrauen in ein rettendes Ufer, das es vielleicht nicht gibt.

klasmann.stephan@format.at

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