Stephan Klasmanns "querformat": Viel nützliches Wissen ist nicht zu uns gedrungen

Von wegen Enthüllungen. Sensationen haben wir uns erwartet, echten Wissenszuwachs, neue Erkenntnisse, die unser Bild der Welt grundlegend verändern. Und dann das. 250.000 geheime Dokumente hat WikiLeaks angekündigt, die die Politiker erzittern und die Diplomaten erröten lassen. Stattdessen bekommen wir alten Haferbrei vorgesetzt.

US-Experten, so ist da zu lesen, halten Russland für eine Hochburg der Korruption. Da kann man nur fragen: Wer nicht? Putin gebärdet sich wie ein Alpha-Rüde. Na das ist ja echt überraschend! Österreichs Politiker interessieren sich nicht für Außenpolitik! Hat man denn etwas anderes erwartet? Die Chinesen halten sich für eine Großmacht! Sind sie ja auch. Gaddafi hat eine vollbusige Krankenschwester aus der Ukraine! Nur eine? Fazit: Auf Tausenden Seiten jagt eine Plattitüde die andere.

Dabei hätte es so vieles gegeben, das ich heuer noch gerne erfahren hätte. Die wirklich wichtigen Fragen beantwortet uns WikiLeaks-Gründer Julian Assange nämlich nicht: Hat George W. Bush wirklich gelebt, oder waren seine Auftritte nur eine originelle Realityshow? Stimmt es, dass Joseph Blatter das einzige stimmberechtigte Mitglied der FIFA ist? Ist die Erderwärmung eine Strafe Gottes für den vorehelichen Sex von Kate Middleton und Prinz William? Fragen über Fragen, zu denen WikiLeaks schweigt.

Und auch sonst sind uns einige potenzielle Highlights der Publizistik vorenthalten worden: Die Festschrift anlässlich des 500-tägigen Regierungsjubiläums Faymann/Pröll „Ideen für Österreichs Zukunft“ musste mangels Ideen für Österreichs Zukunft entfallen. Interne Quellen im Bundeskanzleramt munkeln allerdings, es hätte sehr wohl Ideen gegeben, aber da ja laut PISA-Studie in Österreich ohnehin niemand längere Sätze sinnerfassend lesen kann, entschloss sich der Regierungschef, seine bahnbrechenden Gedanken unter falschem Namen in Form von Leserbriefen in der „Kronen Zeitung“ zu veröffentlichen.

Die von der Finanzmarktaufsicht geplante Reportage „So deckte Österreichs härteste Behörde die Anlageskandale Meinl, Amis, Auer von Welsbach und Immofinanz auf“ wurde kurz vor Erscheinen zurückgezogen, da Recherchen der internen Revision ergaben, dass die FMA leider keinen der Anlageskandale aufgedeckt hatte. Ebenfalls nicht erschienen ist der Bildband „Ich war im Bett mit Berlusconi“. Der Verlag sah sich aus Kostengründen außerstande, das zigbändige Werk zu veröffentlichen. Nun wird ersatzweise an der Edition „Ich war nicht im Bett mit Berlusconi“ gearbeitet, die nur den Umfang einer Broschüre haben soll.

Auch journalistisch sind uns einige echte Leckerbissen entgangen. So hätte etwa die wertvolle Servicegeschichte „Österreichs beste Gefängniskantinen“, getestet von Alfons Mensdorff-Pouilly, Julius Meinl und Wolfgang Kulterer, sicherlich viele Leser gefunden. Für das Seelenheil nahezu unentbehrlich wäre der „Große Kondom-Test“ der vatikanischen Kurie gewesen, in dem das am wenigsten sündhafte Präservativ gewählt wird.

Sie sehen: Viel nützliches Wissen, viele tiefe Erkenntnisse sind heuer nicht zu uns gedrungen. Doch wir wollen uns in Geduld fassen. Schließlich gibt es ein nächstes Jahr. Prosit 2011!

- Stephan Klasmann

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