Stephan Klasmanns "querformat":
Vätcherchen Frost

Frierende Europäer sind für Putin bloß Kollateralschaden.

Was haben sie uns nicht alles erzählt, unsere weit blickenden Politiker: Russland sei ein verlässlicher Partner, die Ukraine habe als Teil Europas natürlich Perspektiven für einen EU-Beitritt und dergleichen mehr. Gerhard Schröder verstieg sich sogar so weit, Wladimir Putin als „überzeugten Demokraten“ zu loben. Und jetzt das! Man dreht uns einfach das Gas ab! Welche Ernüchterung für politische Romantiker.

Macht zu haben, sie aber selbst im Streitfall nicht rücksichtslos einzusetzen zählt zu den edelsten und folglich seltensten menschlichen Tugenden. Weder bei Putin noch bei der ukrainischen Regierungschefin Julia Timoschenko ließ sich vernünftigerweise erwarten, sie vorzufinden. Im modernen Russland werden unliebsame Journalisten ermordet, regimekritische Fernsehsender abgedreht und prominente Oppositionelle wie Schachweltmeister Garry Kasparow unter fadenscheinigem Vorwand eingesperrt. Auch die possierliche Ukrainerin fand nie etwas dabei, langjährige politische Weggefährten im Stich zu lassen oder widersprüchlichste Koalitionen zu unterstützen, wenn es nur ihrem persönlichen Einfluss nützlich war. So gesehen passen Julia und Wladimir bestens zueinander. Beide sind beinharte Machtmenschen, die jede sich ihnen bietende Gelegenheit ergreifen, um ihren Einflussbereich zu erweitern.

Zugegeben: Diese Erkenntnis ist etwa so überraschend  wie ein Sieg von Manchester United gegen den SC Parndorf (freilich wäre es aber überraschend, spielten die beiden je gegeneinander). Umso drolliger ist das offensichtliche Erstaunen von Politprofis wie Angela Merkel oder José Manuel Barroso darüber, dass sich jenseits des Dnjepr kein Mensch um frierende Europäer schert oder darum, dass in bosnischen Krankenhäusern bereits die Lichter ausgehen. Nichts, ganz und gar nichts, ist daran verwunderlich. Dass Putin den Rohstoffreichtum seines Landes als politische Waffe einsetzen will, hat er ja bereits vor zwei Jahren mit seiner Idee einer Erdgas-OPEC selbst ganz offen zugegeben.

Nicht zum ersten, sondern zum wiederholten Mal zeigt der russische Diktator in diesem Konflikt seine wahre Gesinnung. Die Mission lautet: Russland wird wieder zur Supermacht. Alles andere ist völlig nebensächlich, und ein paar verärgerte oder im schlimmsten Fall erfrorene Westeuropäer sind auf diesem Weg ein kaum erwähnenswerter Kollateralschaden.

Das Machtspiel der russischen und ukrainischen Regierung ist deswegen, unabhängig davon, ob und wer von beiden im aktuellen Gaskrieg im Recht ist, ein durchaus wertvolles Warnsignal für Staaten, die in ihrer Energieversorgung vom Goodwill der Streithähne abhängig sind. Auch wenn dieser Konflikt rasch beendet sein dürfte und davon auszugehen ist, dass in keinem heimischen Haushalt tatsächlich das Gas ausgeht, so bleibt doch die Erkenntnis, dass österreichische Interessen von Moskau und Kiew im Zweifelsfall ignoriert werden.

Es gibt viele Gründe, von fossilen Brennstoffen möglichst rasch auf nachhaltige Energieträger umzustellen – etwa Klimaschutz oder die Begrenztheit der Ressourcen. Das nächstliegende Argument ist jedoch ein rein machtpolitisches: Es ist das äußerst gesunde Streben nach Autarkie bei der Versorgung unseres Landes mit lebenswichtigen Gütern. Denn wer sich auf Moral oder Verantwortungsbewusstsein von Leuten wie Putin oder Timoschenko verlässt, der ist eben im Zweifelsfall verlassen.

klasmann.stefan@format.at

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