Stephan Klasmanns "querformat":
Unser ungeliebter Retter

Selten nur finden Wirtschaftsthemen Eingang in die bierseligen Konversationen an den Stammtischen. Abgesehen vom omnipräsenten Ärgernis des Steuerzahlens an sich und der Verschwendung von „denen da oben“, sind es allenfalls besonders schillernde Affären wie Meinl oder Grasser, die sich tref ich für Ad-hoc-Expertisen und Lamenti über die Reichen eignen, die sich’s richten. Doch in den vergangenen Wochen wird auch der Euro immer mehr zum Thema.

Und alle haben es schon immer gewusst, dass der Abschied vom Schilling des Teufels war und es sich bloß noch um Monate, maximal einige Jahre handeln kann, ehe der gute, alte Alpendollar wieder triumphalen Einzug in unsere Portemonnaies halten wird.

Nein. Wird er nicht. Alleine, dass wir Muße haben, über den Schilling zu diskutieren, verdanken wir dem Euro. Ohne die Gemeinschaftswährung wären wir nämlich schön bedient, und der Präzedenzfall für den europäischen Staatsbankrott hieße nicht Island, sondern mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Österreich. Ich will mir nicht ausmalen, wie wir mit dem Schilling durch die Wirtschaftskrise 2008/2009 gekommen wären. Wahrscheinlich gar nicht.

In teils völlig unsachlicher Panikmache wurden den heimischen Banken offene Ost-Kredite in Höhe mehrerer Hundert Milliarden Euro angedichtet, ja selbst Nobelpreisträger wie Paul Krugman erklärten unser Land zum Pleitekandidaten. Das Problem an solchen Kampagnen ist, dass es gar nicht darauf ankommt, ob die angeführten Argumente stimmen. Es reicht, dass genügend Investoren glauben, dass es so ist. Dann beginnt der Mechanismus der sich selbst erfüllenden Prophezeiung sein grausames Werk. Ein Währungsleichtgewicht wie der Schilling wäre unter diesen Vorzeichen das ideale Opfer für kapitalstarke Hedgefonds und Devisenspekulanten gewesen. Und wenn die Meute einmal rennt, dann kann man sich sachliche Diskurse sparen. Ganz nach der alten Western-Manier: Erst hängen, dann reden.

Nur die Eingebundenheit in den nach dem Dollar größten Währungsblock hat uns vor derartigen Spekulationen gerettet. Zur Erinnerung: Selbst die Währung des schuldenfreien, ölreichen Norwegen, das keinerlei Ost-Risiko hat, dafür aber hohe Budgetüberschüsse, ¬ el während der Krise 2008 gegenüber dem Euro in nur sechs Monaten um 25 Prozent. Wo wäre da der Schilling gewesen? Minus 50, minus 80 Prozent?

Es ist schon richtig: Der Euro weckt nicht die warmen, sentimentalen Gefühle, die der Schilling als Symbol einer sich selbst aus den Kriegstrümmern herausrackernden Nation auslösen konnte. Natürlich ist uns der Euro – nicht zuletzt gerade wegen seiner übernationalen Gültigkeit – weniger ans Herz gewachsen als der Alpendollar. Dennoch sollten wir froh sein, dass wir ihn haben. Und wir sollten die aktuellen Probleme mit Griechenland nicht überbewerten.

Der Euro ist ein Jahrhundertprojekt, bei dem nun, nach elf Jahren, erste, durchaus absehbare Kinderkrankheiten auftreten. Schwachstellen in den Regelwerken müssen beseitigt, bessere Koordinierungsmechanismen vereinbart werden. Das ist normal und keineswegs beängstigend. Der Euro ist dennoch ein großer Erfolg und ein wichtiger Garant für ein friedliches Europa. Auch wenn das an den Stammtischen (noch) nicht ganz verstanden wird.

klasmann.stephan@format.at

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